{"id":3560,"date":"2026-06-30T10:00:00","date_gmt":"2026-06-30T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.queerlive.de\/?p=3560"},"modified":"2026-06-30T03:20:55","modified_gmt":"2026-06-30T01:20:55","slug":"der-schwule-afd-abgeordnete-und-das-vergessen-der-eigenen-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.queerlive.de\/?p=3560","title":{"rendered":"+++ Der schwule AfD-Abgeordnete und das Vergessen der eigenen Geschichte +++"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt Reden, die mehr \u00fcber den Redner verraten als \u00fcber das Thema, \u00fcber das er spricht. Die Bundestagsrede des AfD-Abgeordneten Tobias Ebenberger geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenberger, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, nutzte seine Rede, um gegen die sogenannte \u201equeere Community\u201c, gegen Christopher-Street-Day-Veranstaltungen und gegen das zu wettern, was er als \u201eRegenbogenkult\u201c bezeichnet. Er stellte sich als Vertreter jener Homosexuellen dar, die angeblich genug von Identit\u00e4tspolitik und Aktivismus haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist sein gutes Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wer seine Rede aufmerksam verfolgt, st\u00f6\u00dft auf einen bemerkenswerten Widerspruch: Tobias Ebenberger lebt heute in einer Freiheit, die Menschen erk\u00e4mpft haben, deren politischen Kampf er nun ver\u00e4chtlich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Ebenberger erkl\u00e4rte, er h\u00e4tte lieber eine eingetragene Lebenspartnerschaft als die Ehe f\u00fcr alle gew\u00e4hlt, wirkte das zun\u00e4chst wie eine pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenz. Tats\u00e4chlich offenbart diese Aussage jedoch ein grundlegendes Problem seiner Argumentation. Denn selbst die eingetragene Lebenspartnerschaft, die er heute romantisiert, existiert nur deshalb, weil Tausende Lesben und Schwule \u00fcber Jahrzehnte hinweg demonstrierten, protestierten und gesellschaftliche Widerst\u00e4nde \u00fcberwanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie marschierten auf Christopher-Street-Day-Veranstaltungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gr\u00fcndeten Initiativen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie legten sich mit konservativen Mehrheiten an.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie riskierten Anfeindungen am Arbeitsplatz, in ihren Familien und in ihrem sozialen Umfeld.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht Politiker der AfD haben diese Rechte erk\u00e4mpft. Nicht Kulturk\u00e4mpfer, die heute vor einer angeblichen \u201eGender-Ideologie\u201c warnen. Es waren genau jene Menschen, die von denselben politischen Kr\u00e4ften oft als laut, unbequem oder provokant dargestellt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte es zugespitzt formulieren: Tobias Ebenberger steht heute auf einem Podium, das andere f\u00fcr ihn gebaut haben, w\u00e4hrend er den Bauarbeitern erkl\u00e4rt, warum ihre Arbeit eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig gewesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders irritierend ist seine Darstellung von Christopher-Street-Day-Veranstaltungen. Aus seiner Zeit in K\u00f6ln berichtet er von einer angeblichen Entwicklung hin zu einer \u201eoffenen, sexualisierten Fetisch- und Drogenparty\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auf manchen CSDs Darstellungen, die nicht jedem gefallen. Nat\u00fcrlich gibt es Provokationen. Die gab es immer. Doch daraus ein Gesamtbild abzuleiten, ist intellektuell unredlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Jahr gehen Hunderttausende Menschen auf die Stra\u00dfe. Familien mit Kindern. Vereine. Kirchen. Gewerkschaften. Jugendliche, die zum ersten Mal erleben, dass sie mit ihrer sexuellen Orientierung nicht allein sind. Eltern, die ihre Kinder unterst\u00fctzen wollen. Menschen, die sich gegen Diskriminierung engagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer all diese Menschen auf die schrillsten oder provokantesten Bilder reduziert, verfolgt kein Erkenntnisinteresse. Er produziert ein Feindbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist gerade die Geschichte des Christopher Street Day eine Geschichte des Kampfes gegen Ausgrenzung. Der CSD entstand nicht als Stra\u00dfenfest. Er entstand als Protest gegen Polizeigewalt, Diskriminierung und staatliche Repression. Er war eine Antwort auf eine Gesellschaft, die homosexuelle Menschen jahrzehntelang kriminalisierte, pathologisierte und ausgrenzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass heute ein offen schwuler AfD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag sitzen kann, ohne seine sexuelle Orientierung verstecken zu m\u00fcssen, ist eine direkte Folge dieser Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist das der eigentliche Kern des Problems.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenberger m\u00f6chte die Fr\u00fcchte der Emanzipation genie\u00dfen, ohne sich mit ihrer Geschichte identifizieren zu m\u00fcssen. Er m\u00f6chte die Rechte behalten, aber die Bewegung delegitimieren, die sie erk\u00e4mpft hat. Er m\u00f6chte als Beweis daf\u00fcr dienen, dass die queere Bewegung angeblich nicht mehr gebraucht wird, obwohl seine eigene Biografie zeigt, warum sie einst notwendig war.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei geht es nicht darum, jede politische Forderung queerer Organisationen gutzuhei\u00dfen. Innerhalb der Community gibt es unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Priorit\u00e4ten und legitime Debatten. Das war schon immer so.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eines sollte unstrittig sein: Die Freiheit homosexueller Menschen in Deutschland ist kein Geschenk wohlwollender Mehrheiten. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger gesellschaftlicher K\u00e4mpfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer diese Geschichte ausblendet, betreibt Geschichtsvergessenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer die Menschen herabsetzt, die diese K\u00e4mpfe gef\u00fchrt haben, betreibt politische Instrumentalisierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wer als schwuler Politiker so tut, als seien Christopher-Street-Day-Veranstaltungen oder queere Bewegungen nur noch ein l\u00e4stiges \u00c4rgernis, sollte sich vielleicht eine einfache Frage stellen:<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re er heute dort, wo er ist, wenn all jene Menschen vor ihm geschwiegen h\u00e4tten?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort kennt vermutlich auch Tobias Ebenberger selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, er w\u00e4re es nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Nachtrag:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Punkt wird in dieser Debatte h\u00e4ufig \u00fcbersehen: Die queere Community braucht keine selbsternannten Aufpasser sowie Sofa-Aktivisten, die ihr erkl\u00e4ren wollen, wof\u00fcr sie auf die Stra\u00dfe zu gehen hat und wof\u00fcr nicht. Niemand muss Lesben, Schwulen, Bisexuellen oder Transmenschen vorschreiben, welche politischen Forderungen legitim sind und welche nicht.<br>Die Vielfalt der Community zeigt sich gerade darin, dass Menschen unterschiedliche Schwerpunkte setzen, unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und unterschiedliche Wege w\u00e4hlen, f\u00fcr ihre Rechte einzutreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kritiker aus den eigenen Reihen hat es dabei schon immer gegeben. Menschen, die die Community f\u00fcr zu laut, zu unbequem oder zu politisch halten, sind kein neues Ph\u00e4nomen.<br>Sie profitieren oft von Freiheiten und Rechten, die andere vor ihnen erk\u00e4mpft haben, w\u00e4hrend sie gleichzeitig die Notwendigkeit dieses Kampfes infrage stellen. Das ist ihr gutes Recht. Genauso legitim ist es jedoch, darauf hinzuweisen, dass gesellschaftlicher Fortschritt selten von denjenigen ausgegangen ist, die zur Zur\u00fcckhaltung geraten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte der queeren Emanzipation wurde nicht von Menschen geschrieben, die darauf warteten, dass ihnen Gleichberechtigung gew\u00e4hrt wird. Sie wurde von Menschen geschrieben, die sichtbar waren, die protestierten, die Widerspruch riskierten und die sich nicht damit zufriedengaben, den Status quo zu akzeptieren.<br>Wer heute von diesen Errungenschaften profitiert, sollte sich zumindest bewusst machen, auf wessen Schultern er dabei steht und den Ball ganz flach halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Radio QueerLive<br>Die Redaktion<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\">Es gibt Reden, die mehr \u00fcber den Redner verraten als \u00fcber das Thema, \u00fcber das er spricht. Die Bundestagsrede des AfD-Abgeordneten Tobias Ebenberger geh\u00f6rt dazu. 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