{"id":3928,"date":"2026-07-24T10:00:00","date_gmt":"2026-07-24T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.queerlive.de\/?p=3928"},"modified":"2026-07-24T07:57:30","modified_gmt":"2026-07-24T05:57:30","slug":"3928","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.queerlive.de\/?p=3928","title":{"rendered":"+++ Offener Brief des Berliner CSD +++ Unsere Antwort"},"content":{"rendered":"\n<p>Zuh\u00f6ren allein wird nicht reichen<\/p>\n\n\n\n<p>Der offene Brief des Berliner CSD e.V. ist an vielen Stellen ehrlich, selbstkritisch und pers\u00f6nlich. Der Vorstand r\u00e4umt ein, die symbolische Wirkung der geplanten Teilnahme von M\u00f6bel H\u00f6ffner untersch\u00e4tzt zu haben. Er k\u00fcndigt an, die Teilnahmebedingungen zu \u00fcberarbeiten und k\u00fcnftig st\u00e4rker auf den Austausch mit den Mitgliedern zu setzen. Das ist ein wichtiges Signal.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch genau hier beginnt auch die eigentliche Diskussion.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die Debatte um H\u00f6ffner ist nicht erst in den vergangenen Tagen entstanden. Bereits Ende Februar beziehungsweise Anfang M\u00e4rz wurde \u00f6ffentlich bekannt, dass Unternehmer Kurt Krieger 18.000 Euro an die AfD gespendet hatte. Andere Veranstalter zogen daraus fr\u00fch Konsequenzen. So war H\u00f6ffner beispielsweise beim Lesbisch-schwulen Stadtfest des Regenbogenfonds nicht vertreten. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage, warum der Berliner CSD diese Entwicklung offenbar anders bewertet hat und warum diese Diskussion erst so sp\u00e4t eskalierte.<br>Oder hielt der Berliner CSD eV die Community einfach nur f\u00fcr doof und wollte testen, wie weit man gehen kann? Geld stinkt schlie\u00dflich nicht und zwei Tage CSD kosten ordentlich.<br>Ein CSD k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein, wenn diese Community nur nicht Anstand und Haltung gegen\u00fcber solchen Spenden h\u00e4tte.<br>(Danke Community)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Brief macht deutlich, unter welchem finanziellen und organisatorischen Druck der Berliner CSD steht. Eine Demonstration dieser Gr\u00f6\u00dfe kostet Geld. Sicherheitskonzepte, Sanit\u00e4ranlagen, Awareness-Teams, Barrierefreiheit und B\u00fchnenprogramm finanzieren sich nicht von allein. Dass Unternehmen daf\u00fcr ben\u00f6tigt werden, ist nachvollziehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Geld ist nicht der eigentliche Kern der Kritik.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich die Wagenliste des Berliner CSD anschaut, entdeckt an vielen Stellen vor allem bekannte Unternehmensnamen. Gro\u00dfe Marken dominieren das Bild der Parade. F\u00fcr Au\u00dfenstehende ist h\u00e4ufig kaum erkennbar, ob tats\u00e4chlich die queeren Mitarbeitendennetzwerke dieser Unternehmen den jeweiligen Wagen gestalten oder ob vor allem die Marke selbst im Mittelpunkt steht. Diese Frage beantwortet der offene Brief leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit verbindet sich eine noch grundlegendere Diskussion: Wie viel Kommerz vertr\u00e4gt ein Christopher Street Day?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Berliner CSD entstand in der Tradition von Stonewall \u2013 als Demonstration f\u00fcr Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und politische Rechte. Heute entsteht bei manchen Besucherinnen und Besuchern der Eindruck, dass die Logos gro\u00dfer Konzerne immer dominanter werden, w\u00e4hrend kleinere Vereine und Fu\u00dfgruppen zwischen den aufwendig gestalteten Trucks kaum noch wahrgenommen werden. Ob dieser Eindruck berechtigt ist oder nicht, dar\u00fcber l\u00e4sst sich streiten. Dass viele Menschen ihn haben, sollte jedoch ernst genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel zeigt, warum diese Diskussion viele Vereine unmittelbar betrifft.<br>Radio QueerLive war seit 2001 regelm\u00e4\u00dfig mit eigenen CSD-LKW oder Trucks auf dem Berliner CSD vertreten \u2013 unter anderem mehrfach gemeinsam mit Rosenstolz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber viele Jahre funktionierte dabei ein bew\u00e4hrtes Modell: Ein Verein organisierte gemeinsam mit einem Sponsor einen 7,5-Tonnen-LKW und zahlte f\u00fcr die Teilnahme am Berliner CSD rund 750 Euro. Wohlgemerkt, nur damit der LKW an der Parade teilnehmen kann, nicht f\u00fcr den Wagen selbst. Diese Kosten gehen extra.<br>Nach der Corona-Pandemie \u00e4nderte sich diese Situation jedoch grundlegend. F\u00fcr die gleiche Konstellation erhielt Radio QueerLive pl\u00f6tzlich eine Rechnung \u00fcber 3.000 Euro. Das entspricht einer Erh\u00f6hung um 300 Prozent beziehungsweise dem Vierfachen der fr\u00fcheren Teilnahmegeb\u00fchr.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele Vereine ist eine solche Summe kaum noch zu stemmen. Dass manche Vereine daf\u00fcr \u00f6ffentliche F\u00f6rdergelder einsetzen m\u00fcssten, kann durchaus kritisch diskutiert werden.<br>Das fr\u00fchere Modell \u2013 Verein und Sponsor gemeinsam auf einem Truck \u2013 hat \u00fcber viele Jahre funktioniert und vielen Community-Gruppen Sichtbarkeit erm\u00f6glicht. Steigen die Teilnahmegeb\u00fchren jedoch in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung, \u00fcberrascht es kaum, dass sich zahlreiche Vereine einen eigenen Wagen nicht mehr leisten k\u00f6nnen und nur noch als Fu\u00dfgruppen an der Demonstration teilnehmen und in der Masse der Marken-Trucks untergehen.<br>Mit den ganzen Marken auf dem CSD, wird das eigentliche Anliegen, die Geschichte einfach nur verw\u00e4ssert. Eine CSD Demonstration wird zu einem Markenparade, zu einer Kommerzparade und ist dabei nicht besser als jede andere Stra\u00dfenparade in Europa.<br>Dabei sollte man im Vorfeld untersuchen, welche der Marken betreiben Pinkwashing.<br>Gleichzeitig sollte jeder Markenwagen ausschlie\u00dflich mit einem Berliner Verein aus der Community auf die Strecke gehen. Das w\u00e4re tats\u00e4chliche Unterst\u00fctzung der Community.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch eine weitere Frage bleibt im offenen Brief unbeantwortet<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend viele trans Menschen mit Sorge auf angek\u00fcndigte \u00c4nderungen beim Selbstbestimmungsgesetz blicken und der Berliner Senat eine Versch\u00e4rfung plant, fahren gleichzeitig ein SPD sowie CDU-Truck beim Berliner CSD mit. Wie der Berliner CSD diesen Widerspruch bewertet, erf\u00e4hrt man in dem Schreiben nicht. Gerade weil der Vorstand betont, Haltung zeigen zu wollen, h\u00e4tten sich viele Community-Mitglieder an dieser Stelle eine Einordnung gew\u00fcnscht.<br>Gerade Transpersonen f\u00fchlen sich durch die Versch\u00e4rfung des Selbstbestimmungsrecht angegriffen, ein Recht wof\u00fcr jahrelang gek\u00e4mpft wurde.<br>Jetzt, wo sich der Berliner Senat f\u00fcr eine Versch\u00e4rfung ausspricht, sieht der Berliner CSD eV kein Problem in der Teilnehme der Regierungsparteien. Will uns der Berliner CSD damit seine Vorstellung von Einbeziehung der gesamten Community zeigen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Berliner CSD appelliert am Ende an Zusammenhalt und Solidarit\u00e4t innerhalb der Community.<br>Dieser Wunsch ist verst\u00e4ndlich und angesichts zunehmender queerfeindlicher Angriffe wichtiger denn je.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenhalt entsteht jedoch nicht allein durch Appelle oder offene Briefe. Er entsteht vor allem dann, wenn Kritik ernst genommen wird, Entscheidungen transparent erkl\u00e4rt werden und der Eindruck vermieden wird, wirtschaftliche Interessen k\u00f6nnten wichtiger werden als die politische Botschaft einer Demonstration. Stichwort: Kommerzparade.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Berliner CSD bleibt eine der wichtigsten Demonstrationen Europas. Gerade deshalb muss er sich auch den kritischen Fragen stellen. Nicht weil die Community gespalten werden soll, sondern weil viele Menschen m\u00f6chten, dass der Berliner CSD das bleibt, was er einmal war und auch k\u00fcnftig sein sollte: eine politische Demonstration der Community \u2013 und nicht in erster Linie eine B\u00fchne f\u00fcr gro\u00dfe Marken.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn ihr euch fragt, wieso wir uns dar\u00fcber aufregen &#8211; nun, wir verdienen nicht am CSD. Weder am CSD direkt, noch durch bunte Anzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Radio QueerLive<br>Die Redaktion<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\">Zuh\u00f6ren allein wird nicht reichen Der offene Brief des Berliner CSD e.V. ist an vielen Stellen ehrlich, selbstkritisch und pers\u00f6nlich. 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