+++ Iranisches Regime zwang homosexuellen Aktivisten Hinrichtungen anzusehen +++

Der Lebensweg von Ramtin Zigorat ist vor allem eines: ein erschütterndes Zeugnis darüber, wie Homosexualität im Iran nicht nur kriminalisiert, sondern systematisch gebrochen werden soll – bis hinein in die tiefsten Schichten der menschlichen Psyche.

Schon als Kind spürte Zigorat, dass er anders war. Doch dieses „Anderssein“ hatte in seiner Umwelt keinen Platz. Es gab keine Sprache dafür, keine Aufklärung, keine Akzeptanz. Stattdessen dominierte ein Klima aus Angst und Verachtung.
Als er sich schließlich einer Lehrerin anvertraute, reagierte das System sofort – nicht mit Schutz, sondern mit Kontrolle. Er wurde gezwungen, starke Medikamente zu nehmen, isoliert und zum Schweigen gebracht. Seine Homosexualität wurde nicht als Identität anerkannt, sondern als Störung behandelt, die es zu unterdrücken galt.

Diese Logik setzte sich in allen Lebensbereichen fort

In der Familie, in der Schule, auf der Straße. Homosexualität bedeutete für Zigorat nicht nur gesellschaftliche Ausgrenzung, sondern permanente Gefahr. Gewalt wurde zur alltäglichen Realität – körperlich, psychisch und sexuell. Besonders perfide ist dabei die rechtliche Lage: Wer im Iran als homosexuell gilt, verliert nicht nur Rechte, sondern wird selbst im Falle von Gewalt zum Täter erklärt.
Opfer existieren in diesem System nicht.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Zigorats Aktivismus eine radikale Entscheidung war. Sich öffentlich – oder auch nur im Verborgenen – für LGBTQ+-Rechte einzusetzen, bedeutet im Iran, das eigene Leben bewusst aufs Spiel zu setzen.

Dennoch entschied er sich genau dafür. Seine Homosexualität wurde nicht länger nur zur Quelle von Angst, sondern auch zum Ausgangspunkt von Widerstand.
Die Reaktion des Regimes ließ nicht lange auf sich warten.

Mit seiner Verhaftung begann die systematische Zerstörung seiner Persönlichkeit

Besonders eindringlich ist dabei ein Detail, das sich wie ein roter Faden durch seine Erinnerungen zieht: die erzwungene Teilnahme an Hinrichtungen.

Jeden Morgen wurde er zusammen mit anderen Gefangenen an ein Fenster geführt. Im Hof darunter fanden Exekutionen statt. Sie mussten zusehen – minutenlang. Wenn jemand die Augen schloss, wurde er geschlagen. Es gab kein Entkommen, kein Wegsehen, kein inneres Ausweichen. Die Gewalt sollte nicht nur sichtbar, sondern unauslöschlich werden.
Diese Praxis ist mehr als bloße Einschüchterung. Sie ist eine gezielte Strategie psychologischer Zerstörung. Indem die Gefangenen gezwungen wurden, den Tod anderer mitzuerleben, wurde ihnen ihre eigene Zukunft vor Augen geführt. Die Botschaft war eindeutig: Das, was ihr dort seht, ist das, was euch erwartet. Eure Existenz – eure Identität – endet hier.

Für Zigorat war diese Erfahrung untrennbar mit seiner Homosexualität verbunden. Er wusste, warum er dort war. Nicht wegen einer Tat im klassischen Sinne, sondern wegen dessen, wer er ist. Die Hinrichtungen wurden so zu einem Spiegel seiner eigenen Bedrohung. Sie machten den abstrakten Begriff „Todesstrafe“ konkret, sichtbar, unausweichlich.

Bis heute verfolgen ihn diese Bilder. Sie sind Teil eines Traumas, das nicht mit der Flucht endet. Denn was das Regime zerstören wollte, war nicht nur sein Körper, sondern sein Innerstes – sein Gefühl von Sicherheit, von Würde, von Zukunft.

Dass Zigorat überlebt hat, ist ein Zufall, erkauft durch den Mut und die Opferbereitschaft seiner Mutter. Doch seine Geschichte steht stellvertretend für viele, die diese Chance nicht hatten. Für viele, deren Namen unbekannt bleiben – die aber genau das durchlitten haben, was er beschreibt.

Sein Zeugnis macht deutlich, dass die Verfolgung von Homosexualität im Iran nicht nur eine Frage von Gesetzen ist. Es ist ein System der Entmenschlichung, das darauf abzielt, Identität auszulöschen. Und die erzwungenen Hinrichtungen sind eines seiner grausamsten Instrumente – weil sie den Tod nicht nur bringen, sondern ihn vorher bereits in die Köpfe der Menschen pflanzen.

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News Redaktion