+++ Charlotte von Mahlsdorf – Hüterin der Erinnerung und Ikone der Subkultur +++ Fast hätten wir den Geburtstag von Charlotte von Mahlsdorf vergessen.

Geboren am 18. März 1928 war Charlotte von Mahlsdorf eine der schillerndsten und zugleich ungewöhnlichsten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Als Gründerin des Gründerzeitmuseums in Berlin-Mahlsdorf, leidenschaftliche Sammlerin historischer Alltagsgegenstände und offen lebende Transfrau in der DDR wurde sie zu einer Symbolfigur für Zivilcourage, Individualität und kulturelles Engagement.

Geboren als Lothar Berfelde in Berlin, wuchs Charlotte in einer Zeit politischer Extreme auf. Ihre Jugend war geprägt von der NS-Diktatur, familiären Konflikten und gesellschaftlicher Repression.

Bereits früh entwickelte sie ein Interesse an Antiquitäten und historischen Einrichtungsgegenständen – eine Leidenschaft, die später zu ihrem Lebenswerk werden sollte. Gleichzeitig begann sie, ihre weibliche Identität zu leben, was in der damaligen Zeit mit erheblichen Risiken verbunden war.
In den 1960er Jahren begann Charlotte von Mahlsdorf, ein heruntergekommenes Gutshaus im Berliner Ortsteil Mahlsdorf zu restaurieren. Mit großer Hingabe und bemerkenswerter Detailtreue baute sie dort das Gründerzeitmuseum auf, das sich schnell zu einem einzigartigen Ort entwickelte.
Das Museum beherbergte Möbel, Musikinstrumente und Alltagsgegenstände aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts und bot Besucherinnen und Besuchern einen authentischen Einblick in die Lebenswelt der Gründerzeit.

Doch das Museum war weit mehr als nur eine Sammlung historischer Objekte. Es wurde zu einem Treffpunkt für Künstler, Intellektuelle und Mitglieder der LGBTQ+-Community – ein geschützter Raum in einem Staat, der Individualität und Abweichung von der Norm oft misstrauisch gegenüberstand.
Charlotte selbst trat dabei stets selbstbewusst und unerschrocken auf, was ihr sowohl Bewunderung als auch Kritik einbrachte.
Ihr Leben war jedoch nicht frei von Kontroversen. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden Vorwürfe laut, sie habe zeitweise mit der Stasi kooperiert. Diese Anschuldigungen führten zu intensiven öffentlichen Debatten über Anpassung, Überleben und moralische Ambivalenz in der DDR. Charlotte von Mahlsdorf selbst äußerte sich dazu nur zurückhaltend und blieb für viele eine ambivalente Figur.
International bekannt wurde sie unter anderem durch das Theaterstück „Ich bin meine eigene Frau“ von Doug Wright, das auf ihrem Leben basiert und ihr außergewöhnliches Schicksal einem weltweiten Publikum näherbrachte.

Charlotte von Mahlsdorf starb 2002 in Berlin, doch ihr Vermächtnis lebt weiter. Sie bleibt eine Pionierin der Selbstbestimmung, eine leidenschaftliche Bewahrerin von Geschichte und eine faszinierende Persönlichkeit, die sich weder von politischen Systemen noch gesellschaftlichen Normen vereinnahmen ließ.
Ihr Leben steht exemplarisch für den Mut, den eigenen Weg zu gehen – auch gegen alle Widerstände.

Im Jahr 1990 lernte ich Charlotte von Mahlsdorf kennen, sie saß beim Jugendnetzwerk Lambda. Da sie eine Stunde zu früh war und alle Termine hatten, kümmerte ich mich mit Tee und Keksen um sie in dieser Stunde.
Charlotte erzählte mir von ihrem Museum und sprach mir sowie meinem Freund eine persönliche Einladung mit Führung durch sie aus.

Als sie durch Rechte auf einem Museumsfest angegriffen wurde, organisierte 4 Leute beim Jugendnetzwerk Lambda die Protestdemo, zu der über 6000 Menschen kamen.

Als das Bezirksamt Marzahn und der Berliner Senat die Finanzierung des Museums einstellten und eine Insolvenz drohte, leitete Radio QueerLive die Proteste und hielt den Kontakt zu den Medien.
Mit Erfolg!

Noch heute könnt ihr jeden Sonntag das Gründerzeitmuseum besuchen und in die Zeit 1875-1900 eintauchen.

Gründerzeitmuseum
Hultschiener Damm 333
Berlin Mahlsdorf

Andreas
Radio QueerLive