Pride unter Druck: Warum der CSD wieder politisch werden muss
Am vergangenen Samstag zog der erste Christopher Street Day des Jahres durch das brandenburgische Angermünde. Knapp 150 Menschen beteiligten sich an der Demonstration – eine vergleichsweise kleine Zahl, die jedoch angesichts der Umstände ein deutliches Signal setzt.
Unterstützt wurde der CSD unter anderem von der Initiative „CSD Verteidigen“, die mit rund 20 Aktivist:innen aus Berlin anreiste. Ihr Anliegen ist klar: Sichtbarkeit schaffen, Solidarität zeigen – und sich den wachsenden Bedrohungen entschlossen entgegenstellen.
Denn diese Bedrohungen waren auch in Angermünde spürbar. Entlang der Route tauchten immer wieder Gruppen auf, die dem faschistischen Spektrum zugerechnet werden. Der Demonstrationszug reagierte mit lautstarken antifaschistischen Parolen, blieb jedoch insgesamt friedlich. Es blieb bei Einschüchterungsversuchen und Drohungen – doch allein ihre Präsenz verweist auf eine Entwicklung, die längst kein Einzelfall mehr ist.
Der CSD in Angermünde markiert damit nicht nur den Auftakt der diesjährigen Pride-Saison, sondern fällt in eine Zeit zunehmender queerfeindlicher Gewalt in Deutschland.
Laut der Amadeu Antonio Stiftung wurde im Jahr 2025 beinahe die Hälfte aller CSD-Veranstaltungen angegriffen – ein alarmierender Höchststand. Besonders betroffen sind Veranstaltungen im ländlichen Raum, wo Einschüchterungen, Beleidigungen und körperliche Angriffe seit Jahren zunehmen.
Umso bemerkenswerter ist die überregionale Solidarität: Teilnehmer:innen reisten nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Leipzig, Rostock und sogar Karlsruhe an.
Diese Unterstützung ist mehr als symbolisch – sie ist Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins dafür, dass queere Sichtbarkeit und Sicherheit nicht selbstverständlich sind, sondern aktiv verteidigt werden müssen.
Dabei verschärft sich die Lage nicht nur durch rechte Bedrohungen auf der Straße, sondern auch durch politische und behördliche Entscheidungen. So wurde etwa der CSD in Dresden kürzlich nicht mehr als politische Versammlung eingestuft – eine Entscheidung, die von Organisator:innen und Initiativen scharf kritisiert wird. Gleichzeitig stehen grundlegende Rechte zur Debatte: Diskussionen über die Abschaffung des Selbstbestimmungsgesetzes oder das Verbot der Regenbogenflagge auf dem Bundestag zeigen, wie stark queere Themen erneut politisiert – und angegriffen – werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt eine zentrale Forderung an Gewicht: Pride darf nicht unpolitisch sein. Die Initiative „CSD Verteidigen“ erinnert bewusst an die Wurzeln der Bewegung in den Stonewall-Aufständen. „Pride muss heute mehr denn je mehr sein als Party“, heißt es in ihrer Stellungnahme. „Pride ist Kampf um Selbstbestimmung und gegen Faschismus.“
Die Initiative selbst entstand 2025 als Reaktion auf organisierte Angriffe auf CSDs – etwa in Bautzen 2024, wo hunderte Neonazis mit Reichsflaggen und Hitlergrüßen auftraten. Solche Bilder haben sich tief ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt und zeigen, wie stark CSDs inzwischen zur Projektionsfläche rechter Mobilisierung geworden sind.
Der CSD in Angermünde steht damit exemplarisch für eine neue Phase der Pride-Bewegung in Deutschland: kleiner, oft unter Druck – aber zugleich politischer, vernetzter und entschlossener. Die Botschaft ist eindeutig: Sichtbarkeit allein reicht nicht mehr. Es braucht Solidarität, klare Haltung und aktiven Widerstand gegen queerfeindliche und faschistische Angriffe.
Der nächste Schritt steht bereits bevor: Am 25. April mobilisiert die Initiative zum CSD in Schwedt (Oder). Die Aufforderung ist klar formuliert – und aktueller denn je: Gemeinsam CSD verteidigen.
Wenn auch du diese Gruppe begleiten möchtest, hier sind deren Kontakte:
csdverteidigenberlin@proton.me
Instagram:
@csdv_berlin_brandenburg
https://www.instagram.com/csdv_berlin_brandenburg
