Filmtipp: „ROSE“ – Radikal, poetisch und erschütternd aktuell

Mit ROSE legt Regisseur Markus Schleinzer ein außergewöhnliches Historien-Drama vor, das weit über seine Zeit hinausweist.

Der in eindrucksvollem Schwarz-Weiß gedrehte Film erzählt eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert – und wirkt dabei überraschend gegenwärtig.
Im Zentrum steht eine Figur, die sich gegen gesellschaftliche Normen auflehnt und für ein selbstbestimmtes Leben kämpft.

Die Handlung ist ebenso schlicht wie kraftvoll: In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges taucht ein mysteriöser Fremder in einem abgelegenen Dorf auf. Er gibt sich als Erbe eines Gutshofs aus, schweigsam, gezeichnet von einer Narbe – und doch voller Entschlossenheit.

Was niemand ahnt: Hinter der Identität des Mannes verbirgt sich eine Frau, die unter falschem Namen und Geschlecht lebt, um Freiheit zu erlangen.

Diese Prämisse entfaltet sich zu einem intensiven Drama über Identität, gesellschaftliche Zwänge und den Preis von Selbstbestimmung. ROSE stellt dabei eine radikale Frage: Wie viel Risiko braucht Freiheit – und wer darf sie sich überhaupt nehmen?
Getragen wird der Film von einer herausragenden Sandra Hüller, die die Titelrolle mit großer körperlicher Präsenz und innerer Spannung verkörpert.
Ihre Darstellung verzichtet bewusst auf Pathos und setzt stattdessen auf Zurückhaltung und Genauigkeit. Gerade dadurch entsteht eine enorme emotionale Wucht. Kritiken sprechen folgerichtig von einer „grandiosen“ und „überragenden“ Leistung.

Auch visuell ist ROSE ein Erlebnis. Die reduzierte Schwarz-Weiß-Ästhetik verzichtet auf dekorative Historienromantik und lenkt den Blick auf das Wesentliche: Gesichter, Körper, Arbeit, Landschaften. Regisseur Schleinzer nutzt diese Bildsprache gezielt, um Distanz zu schaffen – und gleichzeitig eine eindringliche Nähe zu seinen Figuren herzustellen.
Das Ergebnis ist ein Kino, das nicht beruhigt, sondern herausfordert.
Thematisch verbindet der Film historische Stoffe mit hochaktuellen Fragen nach Geschlecht, Identität und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Die Geschichte basiert auf realen Fällen von Frauen, die sich als Männer ausgaben, um Zugang zu Freiheit, Arbeit oder Sicherheit zu erhalten. Dabei vermeidet ROSE einfache Zuschreibungen und zeigt seine Hauptfigur als widersprüchlich, verletzlich und zugleich unbeirrbar.

Besonders eindrucksvoll ist das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Ordnung: Während Rose ihren eigenen Weg sucht, stößt sie auf Widerstand, Misstrauen und Gewalt. Gleichzeitig zwingt ihr Handeln auch andere Figuren – allen voran Suzanna – dazu, ihre eigenen Lebensentwürfe zu hinterfragen.
ROSE ist damit kein klassisches Historienepos, sondern ein stilles, intensives Kammerspiel über Selbstermächtigung und deren Konsequenzen.
Ein Film, der sich Zeit nimmt, der nicht erklärt, sondern beobachtet – und gerade dadurch lange nachwirkt.

Ein mutiges, formal wie inhaltlich kompromissloses Kinoerlebnis. ROSE ist kein Film für nebenbei, sondern einer, der fordert – und dafür mit großer emotionaler und gedanklicher Tiefe belohnt. Ein Filmtipp für alle, die anspruchsvolles, zeitgenössisches Kino schätzen.

R O S E
Ein Film von Markus Schleinzer
mit Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese uva.

Ab 30. April deutschlandweit im Kino

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Die Redaktion