Über Jahrzehnte hat die queere Community für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Anerkennung gekämpft. Und wenn wir zurückblicken, können wir tatsächlich auf enorme Veränderungen verweisen. Gesetze wurden geändert, Diskriminierungen abgebaut, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet, queere Menschen wurden sichtbarer in Medien, Kultur, Politik und im ganz normalen Alltag. Viele von uns haben irgendwann geglaubt: Wir sind angekommen.
Vielleicht müssen wir uns heute jedoch eine unbequeme Frage stellen: Haben wir gesellschaftlichen Fortschritt mit gesellschaftlicher Akzeptanz verwechselt?
++ Toleriert, akzeptiert oder wirklich respektiert?
Drei Begriffe werden häufig verwendet, als würden sie dasselbe bedeuten: Toleranz, Akzeptanz und Respekt. Doch zwischen ihnen liegen Welten. Toleranz bedeutet zunächst einmal, etwas zu dulden. Du lebst anders als ich, du liebst anders als ich, vielleicht verstehe ich dich nicht oder lehne deine Lebensweise sogar ab – aber ich lasse dich leben. Das ist besser als offene Feindseligkeit. Aber reicht das?
Akzeptanz geht einen entscheidenden Schritt weiter. Sie bedeutet anzuerkennen, dass unterschiedliche Lebensweisen, sexuelle Orientierungen und Identitäten selbstverständlich Teil unserer Gesellschaft sind und die gleichen Rechte verdienen. Und Respekt bedeutet schließlich, dem anderen mit jener Würde zu begegnen, die man auch für sich selbst beansprucht.
Vielleicht haben wir innerhalb der Community lange geglaubt, große Teile der Gesellschaft hätten diesen Weg gemeinsam mit uns zurückgelegt. Heute müssen wir uns fragen, ob das tatsächlich so war.
++ Die Kommentarspalten erzählen eine andere Geschichte
Wer heute Beiträge über CSDs, queere Sichtbarkeit oder die Rechte von Minderheiten in sozialen Netzwerken verfolgt, stößt regelmäßig auf Kommentare, die weit über sachliche Kritik hinausgehen. Da heißt es sinngemäß: Macht doch, was ihr wollt, aber zu Hause. Warum müsst ihr euch öffentlich zeigen? Ihr habt doch längst alles erreicht. Warum braucht es überhaupt noch einen CSD? Und daneben stehen immer wieder Kommentare, in denen aus Ablehnung offene Homo- oder Transfeindlichkeit wird.
Natürlich bilden Kommentarspalten niemals eine gesamte Gesellschaft ab. Die lautesten und aggressivsten Stimmen sind nicht automatisch die Mehrheit. Das dürfen wir bei dieser Diskussion nicht vergessen. Aber wir sollten ebenso wenig ignorieren, was dort sichtbar wird.
Denn hinter dem vermeintlich harmlosen Satz „Macht doch, was ihr wollt, aber ich möchte es nicht sehen“ steckt eine bemerkenswerte Vorstellung von Toleranz: Du darfst existieren – solange deine Existenz möglichst unsichtbar bleibt. Ist das die Akzeptanz, von der wir jahrzehntelang glaubten, sie erreicht zu haben?
++ War diese Ablehnung schon immer vorhanden?
Genau diese Frage beschäftigt uns zunehmend. Hat sich die Gesellschaft verändert? Entsteht gerade eine neue Welle der Ablehnung gegenüber Minderheiten? Oder erleben wir etwas anderes? Haben Menschen solche Einstellungen möglicherweise schon seit Jahrzehnten vertreten, sie aber lange nicht öffentlich ausgesprochen? Und fühlen sie sich durch einen gesellschaftlichen und politischen Rechtsruck inzwischen ermutigt, ihre Ablehnung offen zu formulieren?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Soziale Netzwerke haben unsere öffentliche Kommunikation grundlegend verändert. Was früher vielleicht am Stammtisch, innerhalb der Familie oder im privaten Freundeskreis gesagt wurde, kann heute innerhalb weniger Sekunden unter einem öffentlichen Beitrag stehen und Tausende Menschen erreichen.
Gleichzeitig können politische Debatten Grenzen des Sagbaren verschieben. Wenn Minderheiten immer wieder zum Gegenstand zugespitzter politischer Auseinandersetzungen werden, kann bei manchen Menschen der Eindruck entstehen, ihre eigene Ablehnung sei plötzlich gesellschaftlich legitimiert. Daneben gibt es Menschen, deren Haltung sich tatsächlich verändert oder radikalisiert.
Deshalb wäre es zu einfach zu behaupten, der Hass sei komplett neu. Genauso unseriös wäre es aber zu behaupten, all diese Menschen hätten schon immer genauso gedacht. Vielleicht erleben wir derzeit beides: Vorhandene Ressentiments werden sichtbarer und gleichzeitig können neue Ressentiments entstehen oder bestehende verstärkt werden.
++ „Ihr habt doch alles erreicht“
Kaum ein Satz verdeutlicht den Widerspruch so deutlich wie dieser: „Ihr habt doch alles erreicht.“ Deshalb brauche es keine CSDs mehr, keine Förderung queerer Projekte, keine besonderen Beratungsangebote und keine zusätzliche Sichtbarkeit.
Aber schauen wir einmal auf die Absurdität, die sich daraus ergeben kann. Unter einem Bericht über einen CSD schreibt jemand, queere Menschen seien längst vollständig akzeptiert und deshalb sei ein CSD überflüssig. Wenige Kommentare später werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität beleidigt und herabgewürdigt.
Damit liefert die Kommentarspalte möglicherweise selbst eines der stärksten Argumente dafür, weshalb Sichtbarkeit weiterhin notwendig ist. Denn wenn vollständige gesellschaftliche Akzeptanz tatsächlich erreicht wäre, weshalb löst die bloße Sichtbarkeit einer Minderheit dann bei manchen Menschen eine solche Aggression aus?
++ Vielleicht haben auch wir uns etwas vorgemacht
Diese Frage müssen wir innerhalb der Community ebenfalls zulassen. Vielleicht haben wir rechtliche Gleichstellung zu schnell mit gesellschaftlicher Akzeptanz gleichgesetzt. Ein Parlament kann Gesetze ändern. Ein Gericht kann Rechte durchsetzen. Der Staat kann Diskriminierung verbieten. Aber kein Gesetz kann einen Menschen dazu zwingen, einen anderen Menschen zu respektieren.
Vielleicht haben wir deshalb einen Fehler gemacht, als wir aus wichtigen politischen und rechtlichen Erfolgen geschlossen haben, dass der gesellschaftliche Kampf weitgehend gewonnen sei. Möglicherweise war ein Teil dessen, was wir als Akzeptanz wahrgenommen haben, lediglich Toleranz. Und vielleicht war manches nicht einmal Toleranz, sondern schlicht Schweigen.
++ Aber wie soll die Community darauf reagieren?
Rückzug kann keine Antwort sein. Wenn die Forderung lautet „Macht das zu Hause“, wäre es fatal, genau diese Forderung zu erfüllen und aus dem öffentlichen Raum zu verschwinden. Sichtbarkeit bleibt wichtig. CSDs bleiben wichtig. Beratungsstellen bleiben wichtig. Queere Kultur, Medien, Vereine, Treffpunkte und Projekte bleiben wichtig.
Gleichzeitig müssen wir unterscheiden, mit wem eine Diskussion überhaupt noch sinnvoll ist. Wer Menschen bedroht, beleidigt oder gezielt Hass verbreitet, sucht häufig keinen gesellschaftlichen Dialog. Solche Inhalte müssen konsequent dokumentiert, den Plattformen gemeldet und dort, wo rechtliche Grenzen überschritten werden, gegebenenfalls zur Anzeige gebracht werden.
Aber zwischen überzeugten Menschenfeinden und überzeugten Unterstützern existiert eine große gesellschaftliche Gruppe, die wir nicht verlieren dürfen. Menschen, die unsicher sind. Menschen, die wenig Berührung mit queeren Lebensrealitäten haben. Menschen, die tatsächlich glauben, sämtliche Probleme seien längst gelöst. Menschen, die Fragen haben, vielleicht Vorurteile übernommen haben, aber grundsätzlich noch erreichbar sind.
Mit ihnen müssen wir sprechen. Nicht von oben herab und nicht mit der Erwartung, dass jeder Mensch jede Lebensweise persönlich gut finden muss. Aber mit einer klaren Grenze: Über die gleiche Würde und die gleichen Rechte von Menschen kann nicht verhandelt werden.
++ Und die Mehrheitsgesellschaft trägt Verantwortung
Es wäre jedoch ein Fehler, die gesamte Aufgabe wieder bei Minderheiten abzuladen. Eine Minderheit kann nicht alleine dafür verantwortlich sein, Vorurteile gegen sich selbst abzubauen. Gerade deshalb brauchen wir Menschen außerhalb der Community, die widersprechen. Nicht nur auf einer CSD-Bühne, sondern am Arbeitsplatz, im Sportverein, in der Schule, beim Familienessen, in der Kneipe und auch in sozialen Netzwerken.
Wenn ein homophober Spruch fällt, darf es nicht immer der schwule Kollege sein, der widersprechen muss. Wenn trans Menschen abgewertet werden, dürfen nicht ausschließlich trans Menschen erklären müssen, weshalb diese Abwertung verletzend und gefährlich ist.
Eine Gesellschaft zeigt ihren Respekt gegenüber Minderheiten nicht allein dadurch, wie freundlich sie ihnen bei einem Straßenfest begegnet. Sie zeigt ihn vor allem dann, wenn Angehörige der Mehrheit widersprechen, obwohl gerade kein Betroffener im Raum sitzt.
++ Vielleicht stehen wir wieder an einem entscheidenden Punkt
Die Community hat in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich viel erreicht. Diese Erfolge sollten wir weder kleinreden noch so tun, als hätte sich gesellschaftlich nichts verändert. Millionen Menschen leben heute selbstverständlich mit queeren Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen und Nachbarn zusammen.
Aber Fortschritt ist kein Zustand, den eine Gesellschaft einmal erreicht und anschließend für immer besitzt. Er kann verteidigt werden. Er kann weiterentwickelt werden. Und er kann verloren gehen.
Deshalb sollten uns die aktuellen Entwicklungen nicht dazu bringen, uns zurückzuziehen. Vielleicht sollten sie uns vielmehr dazu bringen, genauer hinzusehen: Was haben wir tatsächlich erreicht? Wo haben wir Akzeptanz vielleicht nur angenommen? Und wo müssen wir wieder stärker miteinander ins Gespräch kommen?
Am Ende steht deshalb eine Frage, die weit über die queere Community hinausgeht: Was für eine Gesellschaft wollen wir eigentlich sein?
Eine Gesellschaft, die Minderheiten sagt: Wir tolerieren euch, solange ihr uns nicht auffallt? Oder eine Gesellschaft, die sagt: Ihr gehört dazu – sichtbar, gleichberechtigt und selbstverständlich?
Vielleicht entscheidet sich genau an diesem Unterschied, ob aus bloßer Toleranz irgendwann wirkliche Akzeptanz und aus Akzeptanz schließlich gegenseitiger Respekt wird.
Radio QueerLive
News Redaktion
