+++ Kinotipp +++Zwischen Poolvilla und Baustelle: „Enzo“ erzählt vom schmerzhaften Dazwischen

Hochsommer an der Côte d’Azur – flirrendes Licht, azurblaues Wasser, ein Haus mit Pool und Meerblick. Die Bilder in „Enzo“ tragen jene verführerische Leichtigkeit, die man aus großen Sommerfilmen kennt. Doch hinter der Oberfläche liegt ein leiser, beständiger Konflikt: der sechzehnjährige Enzo, Sohn aus wohlhabendem Hause, verweigert sich dem vorgezeichneten Weg. Statt Schule und Studium entscheidet er sich für die Baustelle – ein Akt des Widerstands, der weniger laut als konsequent ist.

Dieser Bruch mit der eigenen Herkunft ist der Ausgangspunkt eines Films, der weniger Antworten geben will als Fragen stellt. Wer bin ich, wenn ich mich von dem abwende, was mich geprägt hat? Und was bleibt, wenn man sich weder in der Welt der Eltern noch in der neuen Umgebung wirklich zuhause fühlt?

Auf der Baustelle wird Enzo schnell mit seinen Grenzen konfrontiert. Die körperliche Arbeit überfordert ihn, die Erwartungen seines Chefs ebenso. Er passt nicht hinein – weder in die Welt der Arbeiter noch in die seiner Familie. Gerade diese Unbeholfenheit macht ihn jedoch zu einer Figur von großer Wahrhaftigkeit. „Enzo“ interessiert sich nicht für Helden, sondern für Unsicherheiten, für das Stolpern auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Eine zentrale Rolle spielt dabei Vlad, ein älterer Kollege aus der Ukraine. In ihm findet Enzo eine Projektionsfläche: für Männlichkeit, für Freiheit, für ein Leben jenseits bürgerlicher Konventionen. Vlad ist selbstbewusst, erfahren, körperlich präsent – alles, was Enzo nicht ist. Doch die Beziehung zwischen den beiden bleibt nicht eindeutig. Zwischen Bewunderung, Irritation und aufkeimenden Gefühlen entsteht eine Spannung, die sich nicht in klare Kategorien fassen lässt. Gerade darin liegt die Stärke des Films: Er erlaubt seinen Figuren, widersprüchlich zu sein.
Visuell knüpft „Enzo“ an die Tradition großer europäischer Sommerfilme an.

Die Kamera fängt die Hitze, das Licht und die trägen Tage ein, ohne sich in bloßer Ästhetik zu verlieren. Die Schönheit der Umgebung steht im Kontrast zu Enzos innerer Unruhe – ein Spannungsverhältnis, das sich durch den gesamten Film zieht. Die Côte d’Azur wird hier nicht nur zur Kulisse, sondern zum Spiegel eines Zustands: alles scheint möglich, und doch ist nichts eindeutig.

Das Drehbuch stammt von Laurent Cantet, dessen Gespür für soziale Dynamiken und jugendliche Perspektiven bereits in „Die Klasse“ sichtbar wurde. Dass er die Fertigstellung des Films nicht mehr erlebte, verleiht „Enzo“ eine zusätzliche emotionale Schicht. Mit Robin Campillo übernimmt ein enger Weggefährte die Regie – und führt Cantets Ansatz konsequent fort: präzise Beobachtung statt Dramatisierung, Nähe statt Urteil.

„Enzo“ ist kein Film der großen Gesten. Er lebt von Zwischentönen, Blicken, Momenten des Unbehagens. Die Figuren suchen nicht nach schnellen Antworten – und genau das macht sie so glaubwürdig. In einer Zeit, in der Identität oft laut verhandelt wird, erzählt dieser Film von der stillen, oft widersprüchlichen Suche danach.

Am Ende bleibt weniger eine Lösung als ein Gefühl: das des Dazwischen. Zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Herkunft und Selbstentwurf, zwischen Bewunderung und Begehren. „Enzo“ zeigt, dass genau in diesem unsicheren Raum das eigentliche Leben beginnt.

ENZO

Ab 2. April im Kino