+++ Der schwule AfD-Abgeordnete und das Vergessen der eigenen Geschichte +++

Es gibt Reden, die mehr über den Redner verraten als über das Thema, über das er spricht. Die Bundestagsrede des AfD-Abgeordneten Tobias Ebenberger gehört dazu.

Ebenberger, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, nutzte seine Rede, um gegen die sogenannte „queere Community“, gegen Christopher-Street-Day-Veranstaltungen und gegen das zu wettern, was er als „Regenbogenkult“ bezeichnet. Er stellte sich als Vertreter jener Homosexuellen dar, die angeblich genug von Identitätspolitik und Aktivismus haben.

Das ist sein gutes Recht.

Doch wer seine Rede aufmerksam verfolgt, stößt auf einen bemerkenswerten Widerspruch: Tobias Ebenberger lebt heute in einer Freiheit, die Menschen erkämpft haben, deren politischen Kampf er nun verächtlich macht.

Als Ebenberger erklärte, er hätte lieber eine eingetragene Lebenspartnerschaft als die Ehe für alle gewählt, wirkte das zunächst wie eine persönliche Präferenz. Tatsächlich offenbart diese Aussage jedoch ein grundlegendes Problem seiner Argumentation. Denn selbst die eingetragene Lebenspartnerschaft, die er heute romantisiert, existiert nur deshalb, weil Tausende Lesben und Schwule über Jahrzehnte hinweg demonstrierten, protestierten und gesellschaftliche Widerstände überwanden.

Sie marschierten auf Christopher-Street-Day-Veranstaltungen.

Sie gründeten Initiativen.

Sie legten sich mit konservativen Mehrheiten an.

Sie riskierten Anfeindungen am Arbeitsplatz, in ihren Familien und in ihrem sozialen Umfeld.

Nicht Politiker der AfD haben diese Rechte erkämpft. Nicht Kulturkämpfer, die heute vor einer angeblichen „Gender-Ideologie“ warnen. Es waren genau jene Menschen, die von denselben politischen Kräften oft als laut, unbequem oder provokant dargestellt wurden.

Man könnte es zugespitzt formulieren: Tobias Ebenberger steht heute auf einem Podium, das andere für ihn gebaut haben, während er den Bauarbeitern erklärt, warum ihre Arbeit eigentlich überflüssig gewesen sei.

Besonders irritierend ist seine Darstellung von Christopher-Street-Day-Veranstaltungen. Aus seiner Zeit in Köln berichtet er von einer angeblichen Entwicklung hin zu einer „offenen, sexualisierten Fetisch- und Drogenparty“.

Natürlich gibt es auf manchen CSDs Darstellungen, die nicht jedem gefallen. Natürlich gibt es Provokationen. Die gab es immer. Doch daraus ein Gesamtbild abzuleiten, ist intellektuell unredlich.

Jedes Jahr gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Familien mit Kindern. Vereine. Kirchen. Gewerkschaften. Jugendliche, die zum ersten Mal erleben, dass sie mit ihrer sexuellen Orientierung nicht allein sind. Eltern, die ihre Kinder unterstützen wollen. Menschen, die sich gegen Diskriminierung engagieren.

Wer all diese Menschen auf die schrillsten oder provokantesten Bilder reduziert, verfolgt kein Erkenntnisinteresse. Er produziert ein Feindbild.

Dabei ist gerade die Geschichte des Christopher Street Day eine Geschichte des Kampfes gegen Ausgrenzung. Der CSD entstand nicht als Straßenfest. Er entstand als Protest gegen Polizeigewalt, Diskriminierung und staatliche Repression. Er war eine Antwort auf eine Gesellschaft, die homosexuelle Menschen jahrzehntelang kriminalisierte, pathologisierte und ausgrenzte.

Dass heute ein offen schwuler AfD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag sitzen kann, ohne seine sexuelle Orientierung verstecken zu müssen, ist eine direkte Folge dieser Entwicklung.

Vielleicht ist das der eigentliche Kern des Problems.

Ebenberger möchte die Früchte der Emanzipation genießen, ohne sich mit ihrer Geschichte identifizieren zu müssen. Er möchte die Rechte behalten, aber die Bewegung delegitimieren, die sie erkämpft hat. Er möchte als Beweis dafür dienen, dass die queere Bewegung angeblich nicht mehr gebraucht wird, obwohl seine eigene Biografie zeigt, warum sie einst notwendig war.

Dabei geht es nicht darum, jede politische Forderung queerer Organisationen gutzuheißen. Innerhalb der Community gibt es unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Prioritäten und legitime Debatten. Das war schon immer so.

Aber eines sollte unstrittig sein: Die Freiheit homosexueller Menschen in Deutschland ist kein Geschenk wohlwollender Mehrheiten. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger gesellschaftlicher Kämpfe.

Wer diese Geschichte ausblendet, betreibt Geschichtsvergessenheit.

Wer die Menschen herabsetzt, die diese Kämpfe geführt haben, betreibt politische Instrumentalisierung.

Und wer als schwuler Politiker so tut, als seien Christopher-Street-Day-Veranstaltungen oder queere Bewegungen nur noch ein lästiges Ärgernis, sollte sich vielleicht eine einfache Frage stellen:

Wäre er heute dort, wo er ist, wenn all jene Menschen vor ihm geschwiegen hätten?

Die Antwort kennt vermutlich auch Tobias Ebenberger selbst.

Nein, er wäre es nicht!

Nachtrag:

Ein weiterer Punkt wird in dieser Debatte häufig übersehen: Die queere Community braucht keine selbsternannten Aufpasser sowie Sofa-Aktivisten, die ihr erklären wollen, wofür sie auf die Straße zu gehen hat und wofür nicht. Niemand muss Lesben, Schwulen, Bisexuellen oder Transmenschen vorschreiben, welche politischen Forderungen legitim sind und welche nicht.
Die Vielfalt der Community zeigt sich gerade darin, dass Menschen unterschiedliche Schwerpunkte setzen, unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und unterschiedliche Wege wählen, für ihre Rechte einzutreten.

Kritiker aus den eigenen Reihen hat es dabei schon immer gegeben. Menschen, die die Community für zu laut, zu unbequem oder zu politisch halten, sind kein neues Phänomen.
Sie profitieren oft von Freiheiten und Rechten, die andere vor ihnen erkämpft haben, während sie gleichzeitig die Notwendigkeit dieses Kampfes infrage stellen. Das ist ihr gutes Recht. Genauso legitim ist es jedoch, darauf hinzuweisen, dass gesellschaftlicher Fortschritt selten von denjenigen ausgegangen ist, die zur Zurückhaltung geraten haben.

Die Geschichte der queeren Emanzipation wurde nicht von Menschen geschrieben, die darauf warteten, dass ihnen Gleichberechtigung gewährt wird. Sie wurde von Menschen geschrieben, die sichtbar waren, die protestierten, die Widerspruch riskierten und die sich nicht damit zufriedengaben, den Status quo zu akzeptieren.
Wer heute von diesen Errungenschaften profitiert, sollte sich zumindest bewusst machen, auf wessen Schultern er dabei steht und den Ball ganz flach halten.

Radio QueerLive
Die Redaktion