Wie lebten queere Menschen in Ost-Berlin? Wo fanden sie Gleichgesinnte und wie entwickelte sich die Community über die Jahrzehnte?
Am 5. November 2026 lädt das Museum Lichtenberg zu einem besonderen Gesprächsabend ein. Unter dem Titel „Zeitzeug*innen im Gespräch“ stehen persönliche Erinnerungen, bewegende Geschichten und bislang kaum bekannte Einblicke in das queere Leben Ost-Berlins im Mittelpunkt.
Die Veranstaltung begleitet die Ausstellung „Klingel bei Anna – 100 Jahre queeres Leben in Lichtenberg“.
Zu Gast sind drei Persönlichkeiten, die queere Geschichte erlebt, mitgestaltet oder dokumentiert haben.
Peter Rausch gehörte 1973 zu den Mitgründern der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB), initiierte die Kabarettgruppe Hibaré und engagierte sich später im Sonntags-Club.
Kathrin Schultz* ist Autorin, Pädagogin und Filmemacherin. Zu ihren Arbeiten gehört das Filmprojekt „Zwischen gestern und morgen – 50 Jahre Sonntags-Club“. Außerdem leitet sie die Beratungsstelle Queer*Home in Lichtenberg.
Jochen Hick hat mit Dokumentarfilmen wie „Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR“ wichtige Kapitel queerer Geschichte festgehalten. Sein Oral-History-Projekt umfasst fast 40 Interviews mit queeren Menschen aus Ost-Berlin und der DDR.
Moderiert wird der Abend von Co-Kurator Karl-Heinz Steinle. Ergänzt werden die Gespräche durch historische Filmaufnahmen und teilweise unveröffentlichte Interviews.
Ein kritisches Wort unserer Redaktion
Das klingt alles sehr, sehr spannend! Allerdings erinnert uns die Zusammenstellung der Gäste ein wenig an eine Sonntags-Club-Lobeshymne.
Zweifellos hatte dieser Club seine Zeit und seine Verdienste. Doch aus unserer Sicht wird seine Bedeutung mittlerweile häufig überbewertet. Denn queeres Leben in Ost-Berlin bestand aus weit mehr als dem Sonntags-Club.
Was ist beispielsweise mit Courage, der „Anderen Welt“ oder den ersten Tuntenbällen Ost-Berlins, die bereits Mitte der 1970er-Jahre in Lichtenberg stattfanden? Und was ist mit den legendären Treffpunkten schwuler Männer, etwa dem SEZ, der Weltzeituhr am Alexanderplatz oder der Busche in Weißensee?
Und sicherlich werden wir auch wieder die Geschichte vom Gründerzeitmuseum und Charlotte von Mahlsdorf hören. Schließlich stellte Charlotte Mitte der 1970er-Jahre der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin, aus der später der Sonntags-Club hervorging, Räume für Treffen und Veranstaltungen zur Verfügung.
Doch eine Frage beschäftigt unsere Redaktion bis heute:
Wo war eigentlich der Sonntags-Club, als Charlottes Lebenswerk Jahre später in seiner Existenz bedroht war? Als Anfang der 2000er-Jahre finanzielle Unterstützung ausblieb und der Förderverein um den Erhalt des Gründerzeitmuseums kämpfen musste?
In den 1970er-Jahren waren Charlottes Keller und Garten als Treffpunkte willkommen. Doch als es später darum ging, dieses einzigartige kulturelle Erbe zu erhalten, waren es vor allem andere Menschen, die den Kampf führten.
Warum war damals vom Sonntags-Club und anderen Berliner schwul-lesbischen Vereinen so wenig öffentlich wahrzunehmen? Eine Frage, auf die wir bislang keine überzeugende Antwort erhalten haben.
Vielleicht wäre genau das einmal eine spannende Frage für einen Zeitzeugenabend!
Denn queere Geschichte besteht nicht nur aus den Erfolgen, die man gerne erzählt, sondern auch aus unbequemen Fragen, denen man sich stellen sollte.
Veranstaltungsinformationen
Donnerstag, 5. November 2026, um 18:30 Uhr
Museum Lichtenberg
Türrschmidtstraße 24
10317 Berlin
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