Christopher Street Days und queere Stadtfeste stehen für Vielfalt, Sichtbarkeit und ein respektvolles Miteinander. Gleichzeitig kommt es immer häufiger vor, dass Influencer oder vermeintliche Redaktionsteams gezielt Veranstaltungen besuchen, um Teilnehmende zu interviewen oder in Diskussionen zu verwickeln.
Dabei wird häufig ein Presseausweis gezeigt oder der Eindruck erweckt, journalistisch zu arbeiten. Ein Presseausweis allein sagt jedoch nichts darüber aus, ob später ausgewogen, fair oder seriös berichtet wird. Manche Beiträge sind bewusst darauf ausgelegt, kurze Aussagen aus dem Zusammenhang zu reißen, Menschen bloßzustellen oder die Anliegen der queeren Community ins Lächerliche zu ziehen.
Deshalb gilt: Du entscheidest selbst, ob du mit jemandem sprechen möchtest oder nicht. Niemand ist verpflichtet, ein Interview zu geben oder Fragen zu beantworten.
So kannst du dich schützen
- Frage nach dem Medium
Lass dir erklären, für welches Medium, welchen Kanal oder welchen Auftraggeber das Interview geführt wird. Seriöse Journalistinnen und Journalisten werden dir diese Informationen offen nennen.
- Frage, ob aufgezeichnet oder live gestreamt wird
Immer häufiger werden Gespräche nicht nur aufgezeichnet, sondern direkt live über Plattformen wie YouTube, TikTok, Instagram oder Twitch übertragen.
Frage deshalb:
- Wird das Gespräch aufgezeichnet?
- Läuft gerade ein Livestream?
- Wo wird das Video veröffentlicht?
Wenn du nicht live im Internet erscheinen möchtest, beende das Gespräch sofort. Ein Livestream lässt sich später in der Regel nicht mehr rückgängig machen.
- Lass dir den Namen nennen
Bitte um den Namen der interviewenden Person sowie um eine Visitenkarte oder einen Link zum Medium oder Kanal.
- Ein Presseausweis ist kein Vertrauensbeweis
Ein Presseausweis berechtigt nicht automatisch zu fairem oder verantwortungsvollem Journalismus. Entscheidend ist die Transparenz darüber, wer berichtet und wie das Material später verwendet wird.
- Du musst kein Interview geben
Ein einfaches:
«„Nein, danke. Ich möchte kein Interview geben.“»
reicht völlig aus. Du musst deine Entscheidung weder begründen noch rechtfertigen.
- Lass dich nicht auf Diskussionen ein
Manche Formate leben von kontroversen Debatten oder emotionalen Reaktionen. Du bist niemandem eine Diskussion schuldig. Wenn du merkst, dass ein Gespräch in diese Richtung geht, kannst du es jederzeit beenden und weitergehen.
- Vorsicht vor „versteckten“ Interviews
Nicht jedes Interview beginnt mit einer offensichtlichen Kamera vor deinem Gesicht.
Manchmal beginnt zunächst eine lockere Unterhaltung. Währenddessen hält eine Person unauffällig ein Mikrofon in deine Richtung, während eine zweite Person mit etwas Abstand filmt. Viele bemerken erst später, dass ihre Aussagen bereits aufgezeichnet wurden.
Deshalb gilt: Gehe nicht automatisch davon aus, dass es sich um ein privates Gespräch handelt. Wenn Kameras oder Mikrofone in der Nähe sind, frage nach, ob aufgezeichnet wird. Sobald du bemerkst, dass gefilmt wird und du das nicht möchtest, beende das Gespräch.
- Widersprich Nahaufnahmen
Wird dir eine Kamera direkt ins Gesicht gehalten, kannst du deutlich sagen:
«„Ich möchte nicht gefilmt oder aufgenommen werden. Bitte nehmen Sie die Kamera aus meinem Gesicht.“»
- Suche Unterstützung
Wenn du dich bedrängt oder eingeschüchtert fühlst, wende dich an Ordnerinnen und Ordner, das Awareness-Team oder – wenn erforderlich – an die Polizei.
- Dokumentiere problematisches Verhalten
Falls du dich belästigt fühlst, notiere Namen, Kanalnamen oder andere erkennbare Informationen. Zeugen können später ebenfalls hilfreich sein.
- Informiere den Veranstalter
Wenn Personen Teilnehmende gezielt bedrängen oder provozieren, informiere die Veranstaltungsleitung. Sie kann prüfen, ob gegen Veranstaltungsregeln verstoßen wird und welche Maßnahmen möglich sind.
- Prüfe spätere Veröffentlichungen
Solltest du später feststellen, dass Aufnahmen von dir veröffentlicht wurden und dadurch deine Persönlichkeitsrechte verletzt werden, kannst du die Plattform informieren, rechtlichen Rat einholen und gegebenenfalls gegen die Veröffentlichung vorgehen.
Unser Appell
Pressefreiheit ist ein hohes Gut und eine freie Berichterstattung gehört zu einer demokratischen Gesellschaft. Gleichzeitig hat jeder Mensch das Recht, selbst zu entscheiden, ob er vor einer Kamera auftreten oder ein Interview geben möchte.
Wer sich unwohl fühlt, darf jederzeit Nein sagen, ein Gespräch abbrechen oder sich entfernen. Ein respektvoller Umgang beginnt immer damit, dass die Entscheidung eines Gegenübers akzeptiert wird.
Achtet auf euch und eure Umgebung.
Radio QueerLive
Die Redaktion
