+++ Dolly Parton ist tot – die queere Community verliert eine ihrer größten Ikonen +++

Es gibt Künstlerinnen, deren Tod weit über die Musikwelt hinaus eine Lücke hinterlässt.

Dolly Parton war eine von ihnen.

Die amerikanische Country-Legende ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Ihre Familie gab am 25. August bekannt, dass Parton friedlich in Nashville gestorben sei. Die Nachricht überbrachte ihr Neffe Bryan Seaver in einer Videobotschaft.

Damit verstummt eine der bekanntesten Stimmen der amerikanischen Musikgeschichte – doch für Millionen queerer Menschen auf der ganzen Welt bedeutet dieser Abschied noch etwas anderes.

Denn Dolly Parton war weit mehr als „Jolene“, „9 to 5“ oder „I Will Always Love You“.

Sie war für viele eine schwule Ikone.

Und sie wurde nicht deshalb zu einer solchen Ikone, weil irgendeine Marketingabteilung irgendwann beschlossen hatte, sie dazu zu erklären.

Die queere Community hat Dolly Parton selbst zu einer ihrer Ikonen gemacht.

++ Eine Frau, die anders sein durfte

Schon ihre Erscheinung war ein Statement.

Die riesigen blonden Haare, Strasssteine, funkelnde Kleider, hohe Schuhe, lange Fingernägel und eine gehörige Portion Selbstironie gehörten zu Dolly Parton wie ihre unverwechselbare Stimme.

Sie wusste ganz genau, dass ihre Erscheinung überzeichnet war.

Und sie spielte damit.

Was andere vielleicht als „zu viel“ empfanden, machte Dolly Parton erst recht.

Gerade darin erkannten sich viele schwule Männer und Drag-Künstlerinnen wieder: in dieser Lust am Übertreiben, an Glamour und Selbstinszenierung – und vor allem in der Weigerung, sich von anderen vorschreiben zu lassen, wie man auszusehen oder zu leben habe.

Hinter all dem Glitzer stand jedoch eine außergewöhnliche Songwriterin und Geschäftsfrau. Im Laufe ihrer Karriere schrieb sie Tausende Songs und schaffte den Sprung vom Country-Star zur international bekannten Popkultur-Ikone.

++ Sie sagte nicht nur, dass sie alle Menschen liebe

Für die queere Community wurde jedoch etwas anderes entscheidend.

Dolly Parton vermittelte über Jahrzehnte eine bemerkenswert einfache Botschaft: Menschen verdienen Liebe und Respekt.
Gerade in der amerikanischen Country-Welt war diese Haltung keineswegs immer selbstverständlich.

Bereits 1991 veröffentlichte sie den Song „Family“. Darin verwendete sie das Wort „gay“ in einem positiven Zusammenhang – zu einer Zeit, in der eine solche Haltung für einen großen Country-Star durchaus ein Risiko darstellen konnte.
Später unterstützte sie öffentlich die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und stellte sich immer wieder gegen die Ausgrenzung queerer Menschen.

Besonders deutlich zeigte sich ihre Haltung rund um ihren Freizeitpark Dollywood.
Als dort sogenannte „Gay Days“ stattfanden, gab es heftige Kritik und sogar Drohungen aus extremistischen und religiösen Kreisen.
Dolly Parton wich trotzdem nicht zurück.

Ihre Haltung ließ sich auf einen bemerkenswert einfachen Gedanken reduzieren: Sie liebe alle Menschen.
Vielleicht erklärt gerade das einen großen Teil ihrer besonderen Beziehung zur queeren Community.

Sie machte daraus keine komplizierte Grundsatzfrage.

Sie fragte nicht, wen jemand liebt.

Sie wollte Menschen nicht verändern.

Sie ließ sie einfach sein.

++ Warum gerade schwule Männer Dolly liebten

Dolly Parton vereinte Dinge, die in der schwulen Popkultur seit Jahrzehnten eine besondere Rolle spielen: Glamour und Verletzlichkeit, Humor und Melancholie, Stärke und Selbstironie.

Ihre Songs handelten von Liebe, Zurückweisung, Sehnsucht, Verlust und davon, seinen eigenen Platz im Leben zu finden.
Und hinter der großen blonden Perücke stand eine Frau, die niemals so tat, als wäre das Leben immer perfekt.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis vieler großer schwuler Ikonen.

Sie müssen nicht selbst schwul sein.
Sie müssen etwas verkörpern, das Menschen Mut macht, die lange darum kämpfen mussten, sie selbst sein zu dürfen.
Dolly Parton tat genau das.

Sie zeigte über Jahrzehnte: Du kannst auffallen.

Du kannst anders sein.

Du kannst über dich selbst lachen.

Du kannst deine eigene Vorstellung davon leben, wer du sein möchtest.

Und du musst dich dafür nicht entschuldigen.

++ Eine Ikone mit einem großen Herzen

Auch abseits der Bühne hinterlässt Dolly Parton ein enormes Vermächtnis.

Mit ihrer Imagination Library sorgte sie dafür, dass Kinder kostenlos Bücher erhielten. Das Projekt entwickelte sich von einer regionalen Initiative in Tennessee zu einem internationalen Bildungsprogramm, das inzwischen Hunderte Millionen Bücher verschickt hat.
Dazu kamen zahlreiche weitere soziale und humanitäre Projekte.

Vielleicht passte auch das zu jener Dolly Parton, die ihre Fans liebten.
Bei ihr wirkte Menschlichkeit nicht wie eine Werbekampagne.
Sie gehörte zu ihrer Persönlichkeit.

++ Der Glitzer bleibt

Mit Dolly Parton verliert die Musikwelt eine der größten Songwriterinnen ihrer Geschichte.

Die Country-Musik verliert ihre wohl berühmteste Botschafterin.
Und die queere Community verliert eine Frau, die für viele Menschen weit mehr war als ein Star.

Eine Verbündete.

Eine Inspiration.

Eine Frau, die zeigte, dass man gleichzeitig laut, glamourös, verletzlich, erfolgreich und herzlich sein kann.

Natürlich werden „Jolene“, „9 to 5“ und „I Will Always Love You“ weitergespielt werden.

Natürlich werden Drag-Künstlerinnen weiterhin mit riesigen blonden Perücken Dolly Parton auf die Bühne holen.
Und vermutlich wird irgendwo auf einer queeren Party auch in vielen Jahren noch jemand die ersten Takte eines ihrer Songs auflegen – und plötzlich werden Menschen mitsingen, die Dolly Parton nie persönlich begegnet sind.

Genau darin liegt vielleicht die besondere Form von Unsterblichkeit, die nur ganz wenige Künstlerinnen erreichen.

Dolly Parton ist gestorben.

Aber all der Glitzer, die Musik, der Humor und vor allem ihre Botschaft, Menschen so anzunehmen, wie sie sind, bleiben.
Und vielleicht passt zu ihrem Abschied deshalb ein Gedanke besonders gut:

Manche Sterne verschwinden nicht, wenn ihr Licht erlischt.

Man sieht ihr Leuchten noch sehr lange danach.

Ruhe in Frieden

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News Redaktion