Diese Frau ist der Sargnagel für queere Jugendarbeit. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man sich anschaut, welche Folgen die Entscheidungen des Bundesjugendministeriums für junge queere Menschen in Deutschland haben. Ihr Name: Karin Prien. CDU-Politikerin, Bundesministerin und damit politisch verantwortlich für eine Entscheidung, die nun das Ende eines der wichtigsten bundesweiten Beratungsangebote für queere Jugendliche bedeutet.
Doch wer ist diese Frau eigentlich?
Karin Prien wurde am 26. Juni 1965 in Amsterdam geboren. Sie gehört seit 1981 der CDU an, war von 2017 bis 2025 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein und ist seit Mai 2025 Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kabinett von Friedrich Merz. Außerdem ist sie stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU.
Ausgerechnet die Ministerin, die für das Wohl junger Menschen Verantwortung trägt, steht nun wegen einer Entscheidung in der Kritik, deren Folgen kaum dramatischer sein könnten.
Nach mehr als 30 Jahren muss das Jugendnetzwerk Lambda seine bundesweite Beratung für junge queere Menschen zum Jahresende 2026 einstellen.
Seit 1995 war diese Beratung eine wichtige Anlaufstelle für Jugendliche, die Fragen zu ihrer sexuellen Orientierung, ihrem Coming-out oder ihrer geschlechtlichen Identität hatten. Doch längst ging es um weit mehr. Immer häufiger wandten sich junge Menschen mit schweren psychischen Krisen, Suizidgedanken, selbstverletzendem Verhalten oder Erfahrungen häuslicher Gewalt an die Beratungsstelle.
Und ausgerechnet jetzt, wo der Hilfebedarf nach Angaben des Verbandes immer größer wird, fällt diese Unterstützung weg.
Der Grund: Das von Karin Prien geführte Bundesjugendministerium hat die bisherige Rahmenvereinbarung zur Förderung des Jugendnetzwerks Lambda zum Jahresende 2026 gekündigt. Damit entfällt eine zentrale finanzielle Grundlage des Verbandes. Alle Bemühungen, die entstandene Finanzierungslücke zu schließen, blieben für das Beratungsangebot erfolglos.
Neue Beratungsanfragen werden bereits jetzt nicht mehr angenommen. Laufende Beratungen sollen bis Jahresende abgeschlossen und Betroffene nach Möglichkeit an andere Stellen vermittelt werden.
Das ist keine abstrakte Haushaltsentscheidung. Hier verlieren junge Menschen ganz konkret eine Möglichkeit, Hilfe zu bekommen.
Besonders erschütternd ist, dass diese Entwicklung keineswegs überraschend kam. Mehr als 200 Organisationen haben sich für den Erhalt des Jugendnetzwerks eingesetzt. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnten vor den Folgen. Der Deutsche Bundesjugendring kritisierte die Kündigung und stellte sich zuletzt einstimmig hinter Lambda.
Doch die Entscheidung blieb bestehen.
Das Ministerium begründet die Streichung mit begrenzten finanziellen Mitteln und der notwendigen Haushaltskonsolidierung. Über eine mögliche Projektförderung für 2027 wurde gesprochen. Doch einzelne Projekte können eine langfristige Grundfinanzierung nicht ohne Weiteres ersetzen. Und vor allem retten solche Überlegungen den Queersupport derzeit nicht.
Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass Karin Prien persönlich queere Jugendliche benachteiligen wollte. Die politische Verantwortung für die Entscheidung ihres Ministeriums trägt sie dennoch.
Und genau deshalb muss sich die CDU unangenehme Fragen gefallen lassen.
Wie glaubwürdig ist eine Politik, die gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Schutz vor Diskriminierung betont, gleichzeitig aber die finanzielle Grundlage einer bundesweiten queeren Jugendorganisation wegbrechen lässt?
Wie ernst nimmt man die Sorgen junger queerer Menschen, wenn ausgerechnet dort Unterstützung verloren geht, wo sie dringend gebraucht wird?
Wir erleben eine Zeit, in der queere Menschen zunehmend um ihre Sicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen müssen. Gerade deshalb brauchen junge Menschen Beratungsangebote, geschützte Räume und Organisationen, die ihnen zur Seite stehen.
Queere Jugendarbeit ist kein Luxus, den man sich nur in wirtschaftlich guten Zeiten leisten sollte. Sie ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
Besonders bitter erscheint dabei der politische Widerspruch: Auf Christopher Street Days präsentieren sich auch Vertreterinnen und Vertreter der CDU, zeigen Solidarität und werben für Offenheit und Vielfalt. Doch Solidarität muss sich an politischen Entscheidungen messen lassen, nicht allein an freundlichen Worten und Regenbogenfahnen.
Das bedeutet nicht, dass jedes CDU-Mitglied dieselben Positionen vertritt. Aber eine Partei muss sich an der Politik messen lassen, die ihre Regierungsmitglieder verantworten.
Das Jugendnetzwerk Lambda hofft weiterhin, seine Beratung irgendwann wieder aufnehmen zu können. Neue Förderanträge werden vorbereitet, alternative Finanzierungsmöglichkeiten geprüft. Doch für die jungen Menschen, die heute Unterstützung brauchen, ist diese Hoffnung kein Ersatz für eine erreichbare Beratungsstelle.
Vielleicht ist es deshalb höchste Zeit, innerhalb der queeren Community eine grundsätzliche Diskussion über politische Glaubwürdigkeit, Solidarität und Verantwortung zu führen.
Wie können wir Parteien wie die CDU an CSDs teilnehmen lassen, wenn gleichzeitig unter ihrer Regierungsverantwortung wichtige Strukturen queerer Jugendarbeit ihre Finanzierung verlieren?
Und wann werden wir endlich wach und stellen uns ernsthaft die Frage, ob die Politik der CDU queeren Menschen überhaupt noch guttut?
Radio QueerLive
News Redaktion
