+++ Berliner Kommerzparade: Neue Gesichter im Vorstand, alte Probleme und der Traum von der WorldPride +++

In anderen Städten spricht man vom Christopher Street Day, einer Demonstration für Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und die Rechte queerer Menschen. In Berlin drängt sich dagegen zunehmend eine andere Bezeichnung auf: Kommerzparade. Denn was einst aus politischem Protest und dem Kampf gegen Diskriminierung entstanden ist, gleicht heute über weite Strecken einer riesigen Werbeveranstaltung, bei der große Unternehmen ihre Marken präsentieren dürfen, während kleinere Initiativen um ihre Sichtbarkeit kämpfen müssen.

Am 3. November 2026 hat der Berliner CSD e. V. auf seiner Mitgliederversammlung einen teilweise neuen Vorstand gewählt. Das ist ein ganz normaler demokratischer Vorgang. Doch neue Gesichter allein ändern noch lange nichts an den Problemen, die sich über Jahre entwickelt haben.

Besonders deutlich wird das bei den Teilnahmegebühren. Sie haben inzwischen einiges mit den Berliner Mieten gemeinsam: Sie gehen durch die Decke!

Wer die offiziellen Teilnahmebedingungen für 2026 betrachtet, entdeckt eine bemerkenswerte Gebührenordnung. Gemeinnützige queere Vereine dürfen zwar grundsätzlich kostenlos mit einem Fahrzeug teilnehmen. Doch sobald ein Sponsorenlogo hinzukommt, können plötzlich 3.000 bis 4.000 Euro netto fällig werden. Und das ist lediglich die Teilnahmegebühr, nicht etwa die Finanzierung des gesamten Wagens.

Für Vereine, die früher mithilfe eines Sponsors ihren eigenen Wagen realisieren konnten, wird das damit zu einer gewaltigen finanziellen Herausforderung. Ihnen bleibt häufig nur die Möglichkeit, als Fußgruppe mitzulaufen.

Das Ergebnis? Während große Marken mit aufwendig gestalteten Trucks, gewaltigen Lautsprecheranlagen und riesigen Werbeflächen durch Berlin ziehen, gehen kleinere Vereine und Initiativen zwischen diesen fahrenden Werbebotschaften regelrecht unter.

Und damit sich jeder selbst ein Bild davon machen kann, veröffentlichen wir zahlreiche Aufnahmen von der Berliner Kommerzparade 2025.

Diese Bilder sprechen aus unserer Sicht eine deutliche Sprache. Wer nicht wüsste, dass hier eigentlich eine politische Demonstration für queere Menschen stattfindet, könnte stellenweise glauben, auf einer riesigen Straßenparade der großen Markenartikelhersteller gelandet zu sein.

Werbung, wohin das Auge reicht. Unternehmenslogos, riesige Fahrzeuge und professionell inszenierte Markenauftritte. Dazwischen kleinere Gruppen, die mit ihren politischen Botschaften kaum noch die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich verdienen.

Man könnte fast meinen, die queere Community sei mittlerweile nur noch die bunte Kulisse für eine gigantische Werbeveranstaltung.

Dabei sind es gerade diese Vereine, die sich häufig das ganze Jahr über ehrenamtlich für queere Menschen einsetzen. Nicht nur einmal jährlich, wenn sich mit Regenbogenfarben besonders gut Werbung machen lässt.

Wer das nötige Geld mitbringt, bekommt eine große Bühne. Wer sich tagtäglich engagiert, darf daneben herlaufen.

Natürlich kostet eine Großdemonstration Geld. Sicherheit, Organisation und Infrastruktur müssen finanziert werden. Doch die entscheidende Frage lautet: Muss ausgerechnet eine politische Demonstration zunehmend nach wirtschaftlichen Möglichkeiten organisiert werden? Und weshalb wird ein Sponsor, der einem kleinen Verein überhaupt erst einen Wagen ermöglicht, durch die Gebührenordnung zum finanziellen Problem?

Besonders bemerkenswert erscheint vor diesem Hintergrund die neu entfachte Begeisterung für eine Berliner Bewerbung um die WorldPride 2032. Der Verein fordert von der künftigen Landesregierung politische und finanzielle Unterstützung und möchte dieses Vorhaben sogar verbindlich im nächsten Koalitionsvertrag verankern.

Mehr Geld, mehr internationale Aufmerksamkeit, noch größere Veranstaltungen. Doch wo bleibt bei all diesen ambitionierten Plänen die Frage, wie die kleineren Vereine wieder stärker sichtbar werden können?

Vielleicht sollte Berlin zunächst die Probleme seiner eigenen Kommerzparade lösen, bevor es nach der ganz großen internationalen Bühne greift.

Und dann wäre da noch die bemerkenswerte gegenseitige Wertschätzung zwischen dem Berliner CSD-Verein und dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner.

Wegner durfte auf der Mitgliederversammlung ein Grußwort halten und würdigte den Verein für dessen besonnenes Verhalten nach dem islamistischen Terroranschlag am Rande des Berliner CSD am 25. Juli 2026.

Eine lobende Geste, die bei uns allerdings Erinnerungen an Bilder weckt, die wir nicht vergessen haben.

Nur einen Tag nach diesem schrecklichen Anschlag, bei dem eine Frau getötet und zahlreiche Menschen verletzt wurden, nahm Kai Wegner an den Trauerveranstaltungen teil.

Und wir werden Bilder zeigen, die aus unserer Sicht alles andere als ein würdiges Auftreten des Regierenden Bürgermeisters dokumentieren.

Auf den Aufnahmen ist Wegner zunächst im Bereich des Berliner Doms lachend zu sehen. Doch damit nicht genug.

Auch später, bei der Trauerkundgebung unmittelbar vor dem Brandenburger Tor, zeigen die Aufnahmen den Regierenden Bürgermeister lachend.

Während ringsherum Menschen um die Opfer trauerten, Blumen niederlegten, Kerzen anzündeten und versuchten, das Unfassbare zu begreifen, stand der Regierende Bürgermeister dort und lachte.

Für uns ist ein solches Auftreten angesichts dieser Tragödie respektlos.

Selbstverständlich wissen wir nicht, worüber Kai Wegner in diesen Momenten gelacht hat. Und selbstverständlich kann niemand aus einzelnen Bildern sämtliche Gefühle eines Menschen beurteilen.

Aber darum geht es auch nicht.

Es geht um Respekt, um die Würde einer Trauerveranstaltung und um das öffentliche Auftreten eines Regierenden Bürgermeisters, der gerade in solchen Momenten eine besondere Verantwortung trägt.

Wer sich an einer Trauerkundgebung beteiligt, bei der Menschen um eine getötete Frau trauern und zahlreiche Verletzte beklagen, sollte sich der Wirkung seines Verhaltens bewusst sein.

Die Bilder von Wegners Lachen sorgten bereits damals für öffentliche Kritik. Dass wir diese Aufnahmen nun noch einmal zeigen, hat einen einfachen Grund: Wir möchten daran erinnern, was sich am Tag nach dem Anschlag abgespielt hat.

Es sind Bilder, die für uns bis heute einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Und deshalb wirken die gegenseitigen Lobeshymnen zwischen dem Berliner CSD-Verein und dem Regierenden Bürgermeister auf uns besonders befremdlich.

Nun werden auf einer Mitgliederversammlung wieder große Worte über Solidarität, Vielfalt und gesellschaftliche Verantwortung gesprochen. Worte, die gut klingen. Worte, die sich hervorragend für Pressemitteilungen eignen.

Aber Solidarität zeigt sich nicht in wohlformulierten Grußworten. Sie zeigt sich darin, wie man mit den Menschen und Initiativen umgeht, die diese Community überhaupt erst stark gemacht haben.

Die Berliner Kommerzparade hat sich über die vergangenen Jahre verändert. Aus unserer Sicht nicht unbedingt zum Besseren. Der politische Ursprung gerät zunehmend in den Schatten von Sponsoren, Markenpräsenz und wirtschaftlichen Interessen.

Unsere Bilder aus dem Jahr 2025 sollen deshalb nicht einfach nur eine bunte Parade zeigen. Sie sollen zum Nachdenken anregen.

Wie viel Christopher Street Day steckt eigentlich noch in dieser Berliner Kommerzparade?

Und vor allem: Wessen Interessen stehen inzwischen tatsächlich im Mittelpunkt?

Die der queeren Menschen, die seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung kämpfen? Oder die Interessen jener Unternehmen, die einmal im Jahr ihre Marken besonders öffentlichkeitswirksam in Regenbogenfarben präsentieren möchten?

Und deshalb erlauben wir uns zum Schluss einen Wunsch, der für ein Berliner Medium durchaus ungewöhnlich ist.

Bei aller Verbundenheit mit unserer Hauptstadt, bei allem Lokalpatriotismus und aller Liebe zu Berlin: Wir hoffen, dass London den Zuschlag für die WorldPride 2032 erhält.

Nicht weil wir Berlin diesen internationalen Erfolg grundsätzlich missgönnen. Sondern weil eine WorldPride mehr sein sollte als die noch größere Ausgabe einer längst kommerzialisierten Parade.

Vielleicht braucht Berlin gerade keinen internationalen Titel, sondern zunächst eine Rückbesinnung auf das, worum es beim Christopher Street Day eigentlich geht.

Denn die queere Community braucht keine noch größere Werbeveranstaltung. Sie braucht Sichtbarkeit, Solidarität und einen CSD, bei dem nicht die Größe des Geldbeutels über die Größe des Auftritts entscheidet.

Radio QueerLive
Die Redaktion