Heute gibt es einen ganz besonderen Geburtstag zu feiern! Queer Amnesty Berlin wird 30 Jahre alt. Drei Jahrzehnte voller Engagement, internationaler Solidarität und unermüdlichem Einsatz für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verfolgt, diskriminiert oder bedroht werden. Für Radio QueerLive ist dieser Geburtstag allerdings weit mehr als nur ein Jubiläum. Er ist auch ein Stück unserer eigenen Geschichte.
Als Queer Amnesty vor 30 Jahren in Berlin gegründet wurde, war Radio QueerLive bereits seit drei Jahren auf Sendung. Damals befand sich unser Studio noch in der Voltastraße im Berliner Wedding. Und genau dort durften wir den Gründer von Queer Amnesty begrüßen, der uns von seinen Plänen und Zielen berichtete. Wir erinnern uns noch gut daran, wie wichtig uns damals die Gründung dieser Initiative erschien. Denn auch wenn sich für queere Menschen in Deutschland bereits vieles verändert hatte, sah die Wirklichkeit in zahlreichen anderen Ländern vollkommen anders aus.
Eine weitere, ganz besondere Verbindung zu Queer Amnesty entstand durch einen Menschen, den wir schon viele Jahre vor der Gründung des Vereins kennengelernt hatten. Einen Mann, der später selbst bei Queer Amnesty aktiv wurde und für Radio QueerLive über Jahrzehnte ein vertrauter Wegbegleiter war: Collin de Lamotte Sherman.
Der britische Journalist lebte bereits lange vor dem Mauerfall in West-Berlin. Als im November 1989 die Mauer fiel, führte ihn sein Weg auch in den Ostteil der Stadt. Im Dezember 1989 lernten wir ihn kennen. Collin engagierte sich mit großer Leidenschaft für die queere Community und arbeitete unter anderem als Journalist für „Die Andere Welt“, eine Zeitung, die sich in der damaligen DDR an eine queere Zielgruppe richtete.
Später engagierte sich Collin auch bei Queer Amnesty. Als britischer Journalist pflegte er zahlreiche internationale Kontakte und wusste, wie wichtig es war, über die Grenzen Deutschlands hinauszuschauen.
Für Radio QueerLive wurde er zu einer festen Verbindung zwischen unserer Redaktion und Queer Amnesty. Wenn Collin bei uns anrief, wussten wir meistens schon, dass ihn wieder ein Thema besonders beschäftigte. Irgendwo auf der Welt wurden queere Menschen verfolgt, eingeschüchtert oder ihrer Rechte beraubt. Und Collin wollte darüber sprechen. Dann bekam er seinen Sendetermin, setzte sich vor unser Mikrofon und berichtete.
Auch beim schwul-lesbischen Stadtfest in Berlin gehörte er über viele Jahre einfach dazu. Seit 1997 sendet Radio QueerLive von diesem großen Ereignis der Berliner Community. Und bei unseren Sendungen war Collin regelmäßig als Journalist und Mitglied von Queer Amnesty zu Gast, um über die internationale Arbeit, aktuelle Entwicklungen und die Herausforderungen queerer Menschen in anderen Ländern zu berichten.
Aus journalistischer Zusammenarbeit wurde über die Jahre eine besondere Verbundenheit.
Doch Solidarität bedeutet manchmal auch, selbst anzupacken.
Als Russland im Februar 2022 seinen groß angelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, standen auch wir bei Radio QueerLive plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen. Uns erreichten Hilferufe aus der Ukraine, insbesondere aus dem Süden des Landes. Queere Menschen benötigten dringend Unterstützung, Schutz und Versorgung.
Gemeinsam mit unseren Hörerinnen und Hörern begannen wir, Lebensmittel, Pflegeprodukte und Hygieneartikel zu sammeln und direkt an queere Shelter, also Schutzunterkünfte für queere Menschen, in der Ukraine zu liefern. Während sich viele Hilfsaktionen zunächst auf die Grenzregionen konzentrierten, richteten wir unseren Blick bewusst auf die Menschen im Landesinneren.
Was zunächst als unmittelbare Hilfe begann, entwickelte sich zu einer immer umfangreicheren Aufgabe. Und genau hier zeigte sich erneut, was die Verbindung zwischen Radio QueerLive und Queer Amnesty ausmacht.
Torsten, der sich bei Queer Amnesty engagiert, unterstützte uns bei der Organisation und Koordination dieser Hilfsaktionen. Mit seiner Hilfe entstanden Strukturen, die nicht nur unsere eigene Arbeit erleichterten, sondern später auch von weiteren Vereinen und Hilfsinitiativen genutzt werden konnten.
Insgesamt organisierten wir gemeinsam mit Torsten 14 Hilfslieferungen in die Ukraine.
Möglich wurde das durch unsere Hörerinnen und Hörer, die mit ihren Spenden einen entscheidenden Beitrag leisteten. Aber auch durch jene Menschen, die persönlich mit uns unterwegs waren, um die dringend benötigten Hilfsgüter an ihr Ziel zu bringen.
Manchmal ging es allerdings um weit mehr als Lebensmittel oder Hygieneartikel.
Es erreichten uns verzweifelte Hilferufe einzelner queerer Menschen, die aus besonders gefährdeten und von russischen Truppen besetzten Gebieten der Ukraine fliehen mussten. Radio QueerLive half damals dabei, Unterstützung zu koordinieren, damit diese Menschen innerhalb des Landes in Sicherheit gelangen und in queeren Schutzunterkünften aufgenommen werden konnten.
Solche Erlebnisse vergisst man nicht. Sie zeigen aber auch, wozu Menschen fähig sind, wenn sie nicht nur über Solidarität sprechen, sondern sie tatsächlich leben.
Wir haben diese Arbeit bei Radio QueerLive nie besonders an die große Glocke gehängt. Nicht jede Hilfsaktion braucht eine Pressemitteilung, nicht jede Lieferung ein Kamerateam und nicht jede gute Tat öffentliche Aufmerksamkeit. Entscheidend war und ist für uns, dass Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird.
Und vor allem, dass queere Menschen, egal wo auf dieser Welt sie leben, eines wissen: Ihr seid nicht allein!
Genau diesen Gedanken verkörpert Queer Amnesty seit nunmehr 30 Jahren. Menschenrechte dürfen nicht an Landesgrenzen enden. Die Freiheit, zu lieben und selbstbestimmt zu leben, darf kein Privileg sein, das allein vom Geburtsort abhängt.
Heute Abend wird im Berliner Wedding gefeiert. Dort, wo auch ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte begonnen hat, begeht Queer Amnesty seinen 30. Geburtstag. Und selbstverständlich wird Radio QueerLive bei dieser Geburtstagsfeier mit dabei sein.
Wir gratulieren Queer Amnesty Berlin von ganzem Herzen zu drei Jahrzehnten Engagement, Mut, Ausdauer und internationaler Solidarität.
Unser Dank gilt allen Menschen, die diese Arbeit in den vergangenen 30 Jahren geprägt haben, den Gründerinnen und Gründern ebenso wie den vielen Ehrenamtlichen, die sich bis heute für die Rechte anderer einsetzen.
Ein besonderer Dank gilt auch unseren langjährigen Wegbegleitern Collin de Lamotte Sherman (er starb leider vor einigen Jahren) und Torsten, die auf ganz unterschiedliche Weise gezeigt haben, wie wichtig persönliche Initiative und verlässliche Zusammenarbeit sind.
30 Jahre Queer Amnesty – das sind 30 Jahre gelebte Solidarität, Menschlichkeit und der feste Wille, die Welt für queere Menschen ein Stück sicherer zu machen.
Liebe Freundinnen und Freunde von Queer Amnesty, Radio QueerLive gratuliert euch herzlich zum Geburtstag!
Für heute Abend wünschen wir euch eine wunderbare Feier, viele schöne Begegnungen und vor allem die Gewissheit, dass eure Arbeit auch nach 30 Jahren unverzichtbar ist.
Happy Birthday, Queer Amnesty! Und auf viele weitere Jahre gemeinsamer Solidarität!
Radio QueerLive
Die Redaktion
