+++ ESC ändert seine Regeln +++

Ein Sieg bedeutet künftig nicht automatisch die Ausrichtung

Eine der bekanntesten Traditionen des Eurovision Song Contest bekommt eine wichtige Einschränkung: Normalerweise richtet das Gewinnerland im darauffolgenden Jahr den Wettbewerb aus. Doch künftig kann die Europäische Rundfunkunion, kurz EBU, einem Siegerland die Gastgeberrolle verweigern, wenn die Sicherheitslage eine Austragung dort nicht zulässt.

Die neuen Regeln sehen vor, dass ein Gewinnerland den nächsten Eurovision Song Contest nicht ausrichten kann, wenn es in einen bewaffneten Konflikt oder eine sensible geopolitische Situation verwickelt ist. Gleiches gilt, wenn andere Umstände die Sicherheit oder Stabilität des Landes beziehungsweise seiner unmittelbaren Region erheblich beeinträchtigen.

Bestehen entsprechende Bedenken, kann die EBU eine unabhängige Sicherheitsbewertung der Region in Auftrag geben. Auf Grundlage dieser Einschätzung und nach Beratung mit der zuständigen Referenzgruppe soll entschieden werden, ob der Rundfunkveranstalter des Gewinnerlandes den Wettbewerb sicher durchführen kann.

Kommt die EBU zu dem Ergebnis, dass dies nicht möglich ist, wird nach einem alternativen Gastgeberland und einem anderen Rundfunkveranstalter gesucht. Dieser Sender übernimmt dann vollständig die Verantwortung für Organisation, Produktion und Durchführung des Eurovision Song Contest. Er richtet die Veranstaltung also nicht einfach nur stellvertretend für den eigentlichen Gewinner aus.

Dass ein Gewinnerland den ESC nicht selbst veranstalten kann, ist keineswegs nur ein theoretisches Szenario. Die Ukraine gewann 2022 den Eurovision Song Contest, konnte den Wettbewerb aufgrund des russischen Angriffskrieges im darauffolgenden Jahr jedoch nicht im eigenen Land austragen. Deshalb fand der ESC 2023 im britischen Liverpool statt.

Mit der neuen Regelung schafft die EBU nun deutlich klarere Voraussetzungen für vergleichbare Situationen. Damit könnte es künftig passieren, dass ein Land den Eurovision Song Contest gewinnt, die große ESC-Party ein Jahr später aber trotzdem in einem ganz anderen Land stattfindet.

Die Änderung dürfte allerdings auch Diskussionen auslösen. Denn insbesondere die Formulierung einer „sensiblen geopolitischen Situation“ lässt einen gewissen Interpretationsspielraum. Wann ist eine Situation tatsächlich zu gefährlich für einen Eurovision Song Contest? Und ab welchem Punkt ist die Sicherheit von Künstlern, Delegationen, Fans und Mitarbeitern nicht mehr ausreichend gewährleistet? Genau solche Entscheidungen dürften im Ernstfall genau beobachtet werden.

Doch nicht nur bei der Gastgeberrolle gibt es Veränderungen. Auch das Mindestalter der Künstler wird angehoben. Statt bislang 16 müssen Teilnehmer künftig mindestens 18 Jahre alt sein. Hinzu kommen überarbeitete technische Vorgaben, unter anderem im Audiobereich.

ESC-Direktor Martin Green begründet die Veränderungen mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Wettbewerbs. Die Regeln würden jährlich überprüft, um Fairness, Transparenz und einheitliche Bedingungen für die teilnehmenden Rundfunkanstalten und Künstler sicherzustellen. Gleichzeitig sollen die Beteiligten besser geschützt und ein sicheres und einladendes Umfeld gewährleistet werden.

Damit verändert sich eine der großen Traditionen des Eurovision Song Contest. Ein Sieg bleibt zwar die Eintrittskarte für die mögliche Gastgeberrolle im folgenden Jahr – eine Garantie ist er künftig aber nicht mehr.

Am Ende könnte es also heißen: zwölf Punkte, der Sieg und der Pokal für ein Land – aber die große Eurovision-Bühne im nächsten Jahr steht trotzdem ganz woanders.

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