️🧡💛 Philipp und Tom 💚💙💜 (60)

Radio QueerLive – Eine Berliner Liebesgeschichte

Teil 60

(Vorwort. Wer leicht am Wasser gebaut ist, sollte auf diese Geschichte heute verzichten. Für diese sehr Ungewöhnliche haben wir noch einen erklärenden Nachtrag.)

„Der grimmige Hans“

Es war ein ruhiger Abend in Prenzlauer Berg. Philipp und Tom saßen auf der Couch, das Radio lief. Frau Bond moderierte gerade eine Call-In-Sendung, die sonst voller Alltagsgeschichten und kleiner Sorgen war.

„Hier ist Radio QueerLive – was beschäftigt euch gerade?“, fragte Frau Bond gewohnt locker ins Mikrofon.

Die nächste Anruferin klang jedoch anders. Ihre Stimme war brüchig.
„Hallo… hier ist Lisa. Ich… ich weiß nicht mehr weiter.“

Frau Bond beugte sich vor. „Hallo Lisa. Was ist los?“

„Meine Partnerin Mariella liegt seit vierzehn Tagen auf der Intensivstation im Koma. Die Ärzte sagen… in vier Tagen stellen sie die Maschinen ab. Mein größter Wunsch ist… ihr noch einmal in die Augen zu sehen und ihr zu sagen, dass ich sie liebe.“

Stille im Studio. Nur das leise Atmen der Moderatorin war zu hören.
„Oh Lisa… das tut mir unendlich leid.“

Zuhause liefen Philipp und Tom die Tränen übers Gesicht.
„Gott…“, schluchzte Philipp.
Tom wischte sich die Augen. „Ich würde ihr so gern helfen, aber… ich kann’s nicht.“

Da hob Philipp den Kopf. „Moment. Vielleicht doch.“

Der Gedanke

Philipp griff zum Handy und rief Frau Bond direkt an. „Ich… ich habe vielleicht eine Idee. In meiner Heimatstadt gibt es jemanden, den nennen alle den grimmigen Hans. Ein alter Mann am Waldrand. Die Leute sagen, er kann… Dinge tun. Keiner weiß wie. Aber manchmal hilft er.“

Frau Bond atmete tief durch. „Weißt du was? Auch komische Dinge, die helfen – helfen.“

Philipp rief seine Mutter an. „Mama, hast du noch Kontakt zu Hans?“
„Ja, natürlich“, antwortete sie schlicht. „Wenn du meinst, dass es wichtig ist, ich bring ihn mit.“


Auf der Intensivstation

Zwei Tage später standen Philipp, Lisa und Frau Bond am Bett von Mariella.
Tom war nicht mitgekommen. „Zu traurig“, hatte er nur gesagt.

Philipps Mutter wartete draußen, nachdem sie Hans im Auto hergebracht hatte.
Und dann öffnete sich die Tür.

Der grimmige Hans trat ein. Ein älterer Mann mit hartem Gesicht, tiefe Furchen, die Augen ernst und unergründlich. Er sprach wenig. Er musterte alle im Raum, dann blickte er auf Mariella, die reglos an Schläuchen und Maschinen hing.

„Warum habt ihr mich geholt?“ Seine Stimme war tief, fast rau.
Lisa trat einen Schritt vor. „Weil… mein einziger Wunsch ist, ihr noch einmal in die Augen zu schauen. Ihr zu sagen, dass ich sie liebe.“

Hans nickte, langsam. Er stellte sich neben das Bett, legte eine Hand über ihren Kopf, murmelte Worte, die keiner verstand. Dann schob er das Bett etwas nach vorne, stellte sich hinter Mariella, legte beide Hände rechts und links an ihren Kopf – und sprach weiter, leise, wie in einer fremden Sprache.

Philipp flüsterte: „Meint ihr… das bringt wirklich was?“
Frau Bond legte den Finger an die Lippen. „Still.“


Das Wunder

Zuerst bewegten sich nur Mariellas Finger. Dann zuckten ihre Arme.
Lisa riss die Augen auf. „Mariella…?“

Plötzlich richtete sich der Körper im Bett auf. Langsam, fast schwerfällig. Dann öffnete sie die Augen.

Lisa stürzte ans Bett, ihre Hände zitterten. „Oh Gott, Mariella! Hörst du mich? Ich liebe dich! Ich habe dich immer geliebt und werde dich immer lieben!“

Ein schwaches Lächeln huschte über Mariellas Lippen. Ihre Augen fanden Lisas Blick.

Der grimmige Hans stand ernst daneben. „Du hast drei Minuten. Mehr nicht.“

Lisa weinte, sprach, streichelte Mariellas Gesicht, wiederholte immer wieder „Ich liebe dich“, und Mariella lächelte, hörte zu, sog jeden Moment auf.

Mariella schaut Lisa an. „Danke, ich liebe dich auch.“

Nach genau drei Minuten ließ Hans die Hände sinken. „Es ist genug.“

Der Abschied

Hans verließ wortlos den Raum. Draußen wartete Philipp’s Mutter, um ihn zurück nach Hause zu fahren. Aber dann blieb er im Türrahmen stehen und drehte sich zu den Anderen. „Ich verstehe nicht, wieso ihr so lange damit gewartet habt.“

Drinnen blieb es still.
Mariella sank langsam wieder zurück ins Kissen. Lisa küsste sie auf den Mundy dann auf die Stirn. „Du bleibst meine größte Liebe, Mariella“
Frau Bond und Philipp standen schweigend daneben, Tränen in den Augen.

Mariella schloss die Augen, atmete noch einmal tief – und ging dann für immer.

Lisa schaute zu Hans und flüsterte: „Danke… dass ich das noch erleben durfte.“

Philipp legte ihr die Hand auf die Schulter. Frau Bond wischte sich die Augen.

Und im Gang hörte man schon die schweren Schritte des grimmigen Hans, der wortlos das Krankenhaus verließ – wie jemand, der gekommen war, um nur für einen einzigen Moment die Zeit anzuhalten.

Draußen an die Scheiben der Fenster klopften große Schneeflocken und kündigten den Winter an.

Ende Teil 60
Morgen geht’s weiter um 20.00 Uhr.

Nachtrag
Im November 2023 haben wir genau diese Situation in einem Berliner Krankenhaus genau so erlebt. Die Charaktere wurden von uns komplett geändert.
Wir trafen Hans später noch einmal, bis er seinen Kontakt zu allen eingestellt hat.
Die Krankenpfleger die damals im Zimmer standen, alles beobachteten, verstanden genauso wenig die Welt, wie wir. Sie bestätigten uns aber das Mariella sich zwei Wochen nicht mehr bewegt hat.

Danke Hans.