Eine ers Nacht in der Busche
Frau Bond saß im Büro von Radio QueerLive und war außerordentlich beschäftigt. Zumindest hätte sie das so bezeichnet.
Auf ihrem Bildschirm befand sich weder ein Sendeplan noch eine Musikliste und schon gar keine Recherche für die nächste Sendung. Stattdessen studierte sie mit höchster Konzentration die neue Herbstmode. Größe 38. Ob das nun ihre aktuelle Kleidergröße war oder eher eine liebevolle Erinnerung an vergangene Jahrzehnte, sollte an dieser Stelle nicht weiter untersucht werden.
Plötzlich flog die Bürotür auf. Tom stürmte herein. „Rette sich wer kann, Philipp kommt!“
Frau Bond hob langsam den Kopf. „Was ist denn jetzt schon wieder?“
Doch Tom war bereits einen Schritt zur Seite gegangen. Und da kam Philipp. Ein Bild des Elends. Die Augen rot, das Gesicht verheult und aus seinem Mund kamen Geräusche, bei denen selbst Frau Bond kurz überlegte, ob irgendwo ein Tier verletzt worden war.
„Was hat DER denn?“
Tom hob abwehrend beide Hände. „Frag bitte nicht. Er heult schon den ganzen Sonntag.“
Das war offenbar das falsche Stichwort. Philipp heulte noch lauter. Frau Bond klappte ihren Laptop zu, stand auf und bewegte sich langsam Richtung Tür.
„Stopp!“, schrie Philipp. Frau Bond blieb stehen. „Willst du nicht wissen, was ich habe?“
Tom schüttelte energisch den Kopf. „Nein! Will sie nicht! Ich übrigens auch nicht mehr.“
Philipp schniefte. Frau Bond seufzte. „Also gut. Was hast du?“
„Mein Lieblingsclub hat geschlossen!“
„Welcher Lieblingsclub?“
Philipp sah sie fassungslos an. „Die Busche!“
Frau Bond blinzelte. „Wie oft warst du da?“
Kurze Pause. „Viermal.“
Frau Bond starrte ihn an. „VIERMAL?“
„Na und? Es wären bestimmt noch mehr geworden!“
Frau Bond begann erneut, sich ganz langsam rückwärts Richtung Tür zu bewegen.
„Stopp!“, rief Philipp.
„STOOOOOPP!“, ergänzte Tom.
Frau Bond drehte sich um. „Was habe ICH mit der Schließung der Busche zu tun? Außerdem habe ich keine Zeit.“
Philipp schaute sie plötzlich streng an. „Ich will es wieder.“
Frau Bond runzelte die Stirn. „Was willst du?“
„Du weißt genau, was ich will. Du kannst es.“
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du redest.“
Tom rief quer durch das Büro: „Er will in die Vergangenheit reisen!“
Frau Bond legte das Gesicht in beide Hände. „Oh mein Gott. Eine Reise in die prähistorische Zeit von Ost-Berlin.“
Philipp wurde bockig. „Ich will! Ich will! Ich will!“
Tom sah die beiden an. „Okay. Ich will nicht. Für eine Zeitreise bin ich heute nicht zu haben.“ Er ging zur Tür. „Viel Spaß mit dem Paläozoikum.“
Tür zu.
Frau Bond setzte sich wieder an ihren Schreibtisch. Philipp stand noch immer vor ihr. Dieser Blick!
„Komm her.“
Philipp ging zu ihr.
„Beug dich runter.“
„Warum?“
„Mach einfach.“
Philipp beugte sich vor.
KLATSCH!
Frau Bond schlug ihm mit der flachen Hand gegen die Stirn. Und plötzlich begann sich alles zu drehen. Licht. Farben. Geräusche. Dann Stille.
Als Philipp wieder klar sehen konnte, stand er mitten in Berlin. Neben ihm Frau Bond. Vor ihnen der Friedrichstadt-Palast.
Philipp öffnete den Mund. Eine Straßenbahn rumpelte über die Friedrichstraße und legte sich quietschend in die Kurve Richtung Kupfergraben.
„Na?“, fragte Frau Bond.
Philipp nickte langsam.
„Gefällt es dir?“
„Ja.“
Er schaute sich um. „Welches Jahr haben wir?“
Frau Bond verdrehte die Augen. „Bin ich ein Infopunkt?“
Philipp entdeckte eine Litfaßsäule und rannte hinüber. Er studierte die Plakate. Dann drehte er sich um.
„FEBRUAR 1990!“
DDR noch vorhanden. Die Bundesrepublik noch auf der anderen Seite. Und Berlin mitten in einer Zeit, in der sich gerade alles veränderte.
„Wow.“
Frau Bond deutete nach rechts. „Komm.“
Sie liefen die Friedrichstraße entlang, vorbei an der Oranienburger Straße bis zur damaligen Wilhelm-Pieck-Straße. Dort bog Frau Bond ab.
Philipp blieb vor einem Gebäude stehen. „Was ist das?“
„Ein Club der Volkssolidarität.“
Philipp sah sie entsetzt an. „Ein Rentnerclub? Frau Bond, ich wollte in die Busche!“
Frau Bond grinste und zeigte auf das linke Schaufenster. „Das hier ist sonntags der Gaytreff Courage. Hier treffen sich viele und fahren später gemeinsam in die Busche.“
Dann wurde ihr Grinsen noch breiter. „Außerdem ist heute ein besonderer Tag.“
„Warum?“
„Andreas wird heute zum ersten Mal in die Busche gehen.“
Philipps Augen wurden riesig. „WAS?“
Jetzt gab es kein Halten mehr. Philipp stürmte durch die Tür. Frau Bond hinterher.
Drinnen drehten sich ungefähr vierzig Köpfe gleichzeitig zu ihnen.
Philipp blieb stehen. „Frau Bond?“
„Ja?“
„Sehen wir aus wie Außerirdische?“
„Nein. Es sind unsere Klamotten. Wir sehen praktisch aus wie frisch aus dem Westen eingeflogen.“
Da stand eine Frau auf. Kurze blonde Haare, ausgesprochen burschikos, kräftige Arme.
„Hi. Ich bin Silvia. Kommt an meinen Tisch.“
Frau Bond setzte sich neben sie und konnte ihre Neugier natürlich nicht für sich behalten. „Was machst du eigentlich beruflich?“
Silvia spannte ihre Oberarme an. „Fass mal an.“
Frau Bond tastete vorsichtig. Ihre Augen wurden groß.
Silvia lachte. „Zwanzig Jahre Leistungssport in einer Frauenmannschaft müssen ja zu irgendwas gut sein. Kugelstoßen.“
Dann zeigte sie auf Philipp. „Ist der Junge dein Sohn?“
Philipp hatte jedes Wort gehört. „ZUM GLÜCK NICHT! Sie ist eine Hexe! Nein – eine Oberhexe!“
Silvia brüllte vor Lachen. Nur Frau Bond fand es erstaunlicherweise weniger lustig.
Da öffnete sich erneut die Tür. Ein sehr junger Mann kam herein. Blonde Locken. Jeans. Shirt. Schlabberlook.
Philipp schenkte ihm zunächst keine besondere Beachtung. Frau Bond tippte ihm gegen den Arm.
„Andreas.“
Philipp schaute sie an. Dann zu dem jungen Mann. Dann wieder zu Frau Bond.
„DAS ist Andreas?!“
„Andreas!“, rief Silvia.
Er kam zu ihr, beide umarmten sich, Küsschen links, Küsschen rechts. Dann betrachtete Andreas die beiden Fremden.
„Wer ist das?“
Silvia grinste. „Frau Bond und Philipp. Aus dem Westen.“
Andreas musterte Philipp von oben bis unten. Dann sagte er knochentrocken: „Na? Willst du ein paar Ossis abschleppen, weil du in West-Berlin schon alle hattest?“
Frau Bond schaute verzweifelt zur Decke. „Da baut sich gerade eine wunderbare Freundschaft auf.“
Silvia lachte. „Stopp, ihr beiden Tucken.“
Dann sah sie Philipp an. „Ich entschuldige mich für Andreas. Du musst wissen: Würde der in Amerika leben, würde sein Name in den Zeitungen immer direkt vor den Naturkatastrophen stehen.“
Jetzt brüllte Frau Bond los. „Na wunderbar! Darf ich vorstellen: Philipp. Bei uns im Sender ist er der Taifun.“
Andreas setzte sich. „Ihr seid beim Radio? Seid ihr vom RIAS?“
Philipp prustete los. Unter dem Tisch trat Frau Bond ihm gegen den Fuß.
„AU!“
„Nein“, sagte Philipp. „Unser Sender ist schlimmer.“
Silvia kratzte sich am Kopf. „Schlimmer als der RIAS?“
Frau Bond wurde energisch. „Wir reden hier nicht über Jobs. Wir wollen Berlin kennenlernen.“
Andreas zuckte mit den Schultern. „Heute ist Sonntag. Da ist in Ost-Berlin nicht so viel los. Silvia und ich gehen manchmal ins Café Nord in der Schönhauser Allee.“
Silvia grinste. „Jaja. Er traut sich nur nicht in die Busche nach Weißensee.“
„BUSCHE!“, rief Philipp.
Frau Bond nickte. „Genau da wollen wir hin.“
Silvia schaute auf ihre Uhr. „Dann müssen wir langsam los. Es ist kurz vor halb sieben.“
Philipp verstand die Welt nicht mehr. „Warum denn so früh?“
„Die Busche macht um 19 Uhr auf. Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag.“
Philipp lachte. „19 Uhr? Da fange ich normalerweise gerade an, meine Haare zu stylen.“
Andreas sah auf Philipps Kopf. „Das nennst du Haare? Was ist denn das für eine Pampe in deinen Fusseln?“
Philipp holte Luft.
Frau Bond griff seinen Arm. „Nicht! Wir brauchen ihn noch.“
Eine halbe Stunde später stiegen sie aus der Straßenbahn. Vor ihnen lag Weißensee. Und dann sah Philipp sie. Die Busche an ihrem ersten Ort.
Vor dem Eingang standen ungefähr dreißig Menschen.
Silvia breitete die Arme aus. „Herzlich willkommen am Mehrzweckgebäude Buschallee!“
Philipp blieb stehen. „Mehrzweckgebäude?!“
„Tagsüber essen hier Schüler aus der Schule. Nachmittags kommen die Rentner aus dem Seniorenheim nebenan. Und abends kommen wir.“
Frau Bond grinste. „Das nenne ich effizient.“
Die Schlange bewegte sich langsam. Irgendwann standen sie direkt vor der Eingangstür.
Der Einlasser sah Silvia. „Hi Silvia. Komm rein. Aber heute kein Armdrücken mit dem Kellner!“
Silvia lachte.
Dann musterte er Frau Bond und Philipp. „Und wer sind die? Die sehen aus, als wären sie aus dem Westen.“
Silvia grinste. „Wir vermuten, die sind vom RIAS.“
„Vom RADIO? Nicht, dass die nachher über uns berichten. Das möchte unsere Stasi bestimmt nicht.“
Frau Bond winkte ab. „Wir haben andere Themen.“
Dann zeigte der Mann auf Andreas. „Und wer ist das? Mit dem Schlabberlook lassen wir den aber nicht rein.“
Philipp lachte. „Das ist Andreas. Unser Sprecher am Nachmittag.“
Dann sah er dem Einlasser tief in die Augen. „Und er ist auch vom RIAS.“
„Los! Rein mit euch!“
Zehn Minuten später standen sie mitten in der Busche. Oder besser gesagt: mitten im Mehrzweckgebäude Buschallee.
Frau Bond zeigte zum DJ. „Wer ist das?“
Silvia strahlte. „Wow. Glück gehabt. Heute legt Wolfgang auf.“
Philipp betrachtete den DJ-Platz. „Aber womit legt der auf?“
Frau Bond grinste. „Kassetten.“
„KASSETTEN?!“
Andreas starrte Philipp an. „Wo kommst du eigentlich her? Du kennst keine Kassetten?“
Dann grinste er. „Und danke übrigens für meinen Arbeitsvertrag beim RIAS.“
„Gerne“, antwortete Philipp. „Aber jetzt trinken wir erstmal was.“
An der Bar lehnte sich Frau Bond über den Tresen. „Vier Caribbean Burner.“ Der Barkeeper lachte laut. „Von wo seid ihr denn?“
Silvia schüttelte den Kopf. „So etwas haben wir hier nicht. Die meisten trinken Club-Cola mit irgendwas drin.“
Frau Bond versuchte es erneut. „Dann vier Longdrinks. Club-Cola mit Kirsch, Wodka, Aprikose und Curaçao.“
Der Barkeeper stellte die Getränke hin. „Elf Mark.“
Frau Bond legte dreißig Mark auf den Tresen. „Das Gleiche noch einmal. Der Rest ist Trinkgeld.“
Philipp erstarrte. „Seit wann gibst DU Trinkgeld?“
Frau Bond hörte plötzlich ausgesprochen schlecht.
Sie verteilte die Gläser. „Jeder probiert ein Viertel. Dann geben wir nach rechts weiter. Wir testen, welcher am besten schmeckt.“
Die Idee gefiel. Bei jedem Glaswechsel wurde angestoßen.
Als die erste Runde leer war, griff Frau Bond sofort nach einem der neuen Gläser. Club-Cola Curaçao.
„MEINS!“
Die anderen schnappten sich den Rest und gingen Richtung Tanzfläche.
Um 19.30 Uhr war die Tanzfläche brechend voll. Depeche Mode. Fast überall Schwarz. Schwarz-Weiß. Dunkle Haare. Dunkle Klamotten.
Dann wechselte die Musik.
Adeva.
Wie auf Kommando verschwanden die Depeche-Mode-Fans. Dafür eroberten plötzlich durchgestylte Typen die Tanzfläche.
Und mitten unter ihnen: Frau Bond.
Philipp starrte sie an. „Wer hat DIE denn ausgetauscht?“
Frau Bond fegte über die Tanzfläche, als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht.
Dann: Madonna. „True Blue“.
Jetzt krachte die Tanzfläche endgültig aus allen Nähten. Philipp und Silvia stürmten los. Nur Andreas stand am Rand.
Philipp winkte. Andreas schüttelte den Kopf. Silvia grinste. „Mit dem muss man anders umgehen.“
Sie ging zu Andreas. Und bevor er wusste, was geschah, hob ihn die ehemalige Kugelstoßerin einfach hoch.
„SILVIA!“
„Ab auf die Tanzfläche!“
„LASS MICH RUNTER!“
„Nein.“
Andreas zeterte wie ein Rohrspatz. Aber gegen zwanzig Jahre DDR-Leistungssport hatte er keine Chance.
Und plötzlich tanzten alle vier.
Irgendwann stand Philipp mitten auf der Tanzfläche, völlig verschwitzt und überglücklich. „Was für eine Party! So habe ich mir das niemals vorgestellt.“
Er hob sein Glas. „Feiern könnt ihr!“
Doch wer trinkt und tanzt, muss irgendwann auch andere Räumlichkeiten kennenlernen.
Andreas war zum ersten Mal hier. „Silvia, wo ist die Toilette?“
„Im Vorraum. Aber nicht rauchen!“
„Ich rauche doch gar nicht.“
Er verschwand.
Erst jetzt fiel Frau Bond und Philipp auf, was um sie herum geschah. Die Leute rauchten. Auf der Tanzfläche. An der Bar. An den Tischen. Überall.
Philipp schüttelte den Kopf. „Wann durfte man eigentlich zuletzt in unserer Zeit in einem Club rauchen?“
Frau Bond zuckte mit den Schultern.
Da kam Andreas zurück. Sein Gesicht sprach Bände. „Jetzt habe ich deinen Zigarettentipp verstanden.“
Silvia grinste. „Na?“
„Alter! Wenn ich mit einer glühenden Zigarette auf diese Toilette gegangen wäre, wäre der ganze Schuppen explodiert!“
Silvia lachte. „So schlimm?“
„Die haben da eine Pinkelrinne wie auf einem Bahnhofsklo. Und genauso riecht es!“
Frau Bond hob beide Hände. „BITTE keine weiteren Details! Ich bekomme Bilder im Kopf.“
Kurze Pause.
„Wo wir gerade bei Flüssigkeiten sind: Die dritte Runde geht auf mich.“
Dagegen hatte niemand etwas.
Doch wenig später veränderte sich Frau Bonds Gesicht. Sie sah Andreas an.
„Mitkommen.“
Andreas zeigte auf sich. „Ich?“
„Ja.“
Er schaute hilfesuchend zu Philipp.
Philipp nickte nur. „Wenn sie diesen Ton hat, geht man einfach mit.“
In einer ruhigeren Ecke blieb Frau Bond stehen. Plötzlich war der Spaß aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Andreas, ich weiß, dass du vor zwei Monaten gemeinsam mit anderen das Jugendnetzwerk Lambda gegründet hast.“
Andreas erstarrte. „Woher weißt du das?“
„Ich bin beim Radio. Schon vergessen? Und wir sind schlimmer als der RIAS.“
Sie lächelte kurz. Dann wurde sie wieder ernst.
„Ihr überlegt gerade, wie ihr all die Leute zusammenbringen könnt, die euch schreiben.“
Andreas nickte langsam. „Ja.“
Frau Bond öffnete ihre Handtasche.
„Dann hör mir jetzt gut zu.“
Sie zog ein Bündel Geld heraus.
„Im Juli 1990 organisiert ihr ein Sommercamp. Am Knappensee bei Hoyerswerda. Ihr mietet die Wiese direkt am See.“
Sie drückte ihm das Geld in die Hand. „Zweitausend Mark.“
Andreas starrte auf die Scheine. Dann auf Frau Bond.
„Und vom Rest kaufst du dir eine neue Zeltausrüstung.“
Sie machte eine kleine Pause.
„Und das weiße Rennrad, das bei Hertie steht.“
Andreas‘ Kinnlade fiel herunter.
Er wollte etwas sagen. Danke vielleicht. Oder endlich die Frage stellen, die ihn schon den ganzen Abend beschäftigte.
Wer seid ihr eigentlich?
Aber Frau Bond hatte sich bereits umgedreht. Sie ging zurück zur Bar.
Dort sah sie Philipp an. „Wir müssen gehen.“
„NEIN!“
Natürlich. Damit hatte Frau Bond gerechnet.
„Doch.“
Sie nahm Silvia in den Arm. Dann Andreas. Bei ihm blieb sie einen Moment länger. Sie flüsterte ihm noch etwas ins Ohr.
Was sie sagte, konnte Philipp nicht verstehen.
Auch Philipp verabschiedete sich. Von Silvia. Von Andreas. Von Wolfgangs Kassetten. Von Club-Cola mit Curaçao. Von der überfüllten Tanzfläche. Von diesem seltsamen Mehrzweckgebäude in Weißensee, das tagsüber Schülern und Rentnern gehörte und abends zu einem Ort wurde, an dem Menschen für ein paar Stunden einfach sie selbst sein konnten.
Frau Bond und Philipp gingen hinter das Gebäude. Noch einmal hörten sie dumpf die Musik durch die Wände.
Philipp blieb stehen. Er sah zurück.
„Frau Bond?“
„Ja?“
„Ich glaube, jetzt verstehe ich es.“
Sie sagte nichts.
Plötzlich begann sich die Welt zu drehen. Die Busche verschwand. Die Musik wurde leiser. Die Lichter verschwammen.
1990 raste davon.
Jahre. Jahrzehnte.
Bis alles mit einem Ruck stehen blieb.
Radio QueerLive. 2026.
Philipp öffnete die Augen.
Das Büro. Der Schreibtisch. Der Laptop. Und darauf noch immer die Herbstmode in Größe 38.
Frau Bond setzte sich auf ihren Stuhl. „So. Wo waren wir?“
Philipp sagte nichts. Er ging zu ihr. Und nahm sie einfach in den Arm.
Frau Bond erstarrte. Mit Gefühlen dieser Art konnte sie bekanntlich nur sehr eingeschränkt umgehen.
Philipp flüsterte: „Danke.“
Frau Bond schluckte. Dann schob sie ihn von sich.
„Ja, ja. Reicht jetzt.“
Philipp lächelte.
An diesem Abend hatte er verstanden, dass die Busche mehr gewesen war als ein Club. Sie war ein Stück Berliner Geschichte. Ein Ort, an dem Freundschaften entstanden, Menschen sich kennenlernten, stritten, lachten, tanzten und manchmal vielleicht zum ersten Mal merkten, dass sie nicht allein waren.
Und irgendwo zwischen Depeche Mode, Madonna, Club-Cola, Zigarettenqualm und einer legendären Pinkelrinne hatte 1990 ein junger Andreas seine erste Nacht in der Busche erlebt.
Noch konnte keiner von ihnen wissen, wie viele Geschichten dort in den kommenden Jahrzehnten entstehen würden.
Philipp sah Frau Bond an.
„Können wir eigentlich noch mal hin? Vielleicht 1995?“
Frau Bond blickte langsam vom Bildschirm auf.
„Philipp.“
„Ja?“
„RAUS!“
Aus dem Flur hörte man Tom: „Lass uns gehen Philipp, ich hab’s dir doch gesagt!“
Auf dem Weg zu Tom Hirte man ihn sagen, „Tom wir brauchen unbedingt Clubcola“.
Tom verstand zwar in diesem Moment die Welt nicht aber nein sagen wollte er auch nicht.
Und während die beiden den Sender verließen, sah man dich irgendwie so etwas wie ein Lächeln bei Frau Bond.
In Kürze geht’s weiter.
Radio QueerLive
P.S. Solltet ihr eine Silvia kennen die in der DDR Leistungssportlerin war , zeigt ihr diese Geschichte. Sie darf sich gerne bei uns melden.
