+++ Schweiz: Konversionsmaßnahmen sind schädlich – doch wo bleibt das Verbot? +++

Der Schweizer Bundesrat erkennt inzwischen selbst an, dass sogenannte Konversionsmaßnahmen schädlich und unwirksam sind. Eigentlich müsste daraus eine ziemlich eindeutige Konsequenz folgen: Menschen müssen vor solchen Praktiken geschützt werden. Doch genau an diesem Punkt bleibt die Schweizer Regierung zurückhaltend. In einem jetzt veröffentlichten Bericht lehnt der Bundesrat Konversionsmaßnahmen zwar klar ab, überlässt die weitere gesetzgeberische Initiative aber im Wesentlichen dem Parlament.

Dabei geht es keineswegs um ein Randproblem. Schätzungen zufolge haben in der Schweiz rund 80.000 Menschen Erfahrungen mit Versuchen gemacht, ihre sexuelle Orientierung, ihre geschlechtliche Identität oder ihren Geschlechtsausdruck zu verändern oder zu unterdrücken. Besonders erschreckend ist, dass ein erheblicher Teil der Betroffenen zu Beginn solcher Maßnahmen noch minderjährig war.

Der Nationalrat hatte sich bereits im Dezember 2022 für ein Verbot ausgesprochen. Nun liegt der politische Ball beim Ständerat und insbesondere bei dessen zuständiger Rechtskommission. Der Druck auf die Politik wächst deshalb. Mehr als 60 Organisationen haben sich in einer neuen Koalition gegen Konversionsmaßnahmen zusammengeschlossen und verlangen ein Verbot.

Bemerkenswert ist dabei die Breite dieses Bündnisses. Nicht nur queere Organisationen unterstützen die Forderung, sondern auch Vertreter aus Medizin und Psychologie sowie Religionsgemeinschaften. Unter anderem haben sich die Schweizer Bischofskonferenz, die Evangelisch-Reformierte Kirche Schweiz, die Christkatholischen Kirchen der Schweiz und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund gegen solche Praktiken ausgesprochen. Auch psychologische und medizinische Fachorganisationen warnen vor den möglichen Folgen.

Damit stellt sich eine einfache Frage: Wenn Politik, Medizin, Psychologie und selbst große Religionsgemeinschaften anerkennen, dass diese Maßnahmen weder funktionieren noch verantwortbar sind – worauf wartet man dann noch? Es reicht nicht, festzustellen, dass eine Praxis gefährlich ist. Wer die Gefahr anerkennt, muss auch diejenigen schützen, die ihr ausgesetzt werden können.

+++ Was sind eigentlich Konversionsmaßnahmen? +++

Hinter dem Begriff stehen Versuche, die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität eines Menschen zu verändern oder zu unterdrücken. Betroffenen wird beispielsweise vermittelt, homosexuelle oder bisexuelle Gefühle beziehungsweise eine trans Identität seien falsch, krankhaft, sündhaft oder müssten überwunden werden.

Solche Versuche können ganz unterschiedlich aussehen. Sie können aus vermeintlich therapeutischen Gesprächen, religiösem Druck, Gebeten, Beschämung, Einschüchterung oder anderen psychisch belastenden Methoden bestehen. Der entscheidende Punkt ist: Homosexualität und Bisexualität sind keine Krankheiten, die geheilt werden müssten. Ebenso lässt sich die Identität eines Menschen nicht durch Druck in eine gewünschte Richtung zwingen.

Das Leid, das solche Versuche verursachen können, ist dagegen sehr real. Betroffene berichten von Schuldgefühlen, Selbsthass, Angstzuständen, Depressionen und dem Gefühl, mit einem wesentlichen Teil ihrer Persönlichkeit grundsätzlich falsch zu sein. Besonders schwer können die Folgen sein, wenn Kinder und Jugendliche diesem Druck durch Eltern, religiöse Gemeinschaften oder andere Autoritätspersonen ausgesetzt werden.

Wer einem jungen Menschen immer wieder vermittelt, seine Gefühle oder seine Identität seien falsch und müssten verschwinden, kann tiefe psychische Verletzungen hinterlassen. Fachorganisationen warnen deshalb auch vor Suizidgedanken und suizidalem Verhalten im Zusammenhang mit solchen Erfahrungen. Für manche Betroffene können die psychischen Folgen über viele Jahre oder Jahrzehnte bestehen bleiben.

Deshalb sollte man auch nicht verharmlosend von einer „Therapie“ sprechen. Es gibt nichts zu therapieren. Es geht um den Versuch, Menschen in ihrer Persönlichkeit zu verändern oder einen Teil ihrer Identität zu unterdrücken. Manche Betroffene tragen die Folgen davon ein Leben lang mit sich, und im schlimmsten Fall kann die Verzweiflung bis zum Suizid reichen.

Ein Staat, der weiß, dass solche Praktiken schädlich und unwirksam sind, sollte deshalb nicht nur darüber diskutieren. Er sollte Menschen konsequent davor schützen.

Radio QueerLive
News Redaktion