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Im Studio von Radio QueerLive herrschte Ausnahmezustand. DJ Der Pocher von den organicTwins war zu Gast und stellte seinen Musikmix live im Studio vor. Das hatte sich herumgesprochen, und entsprechend voll war es geworden. Zahlreiche Gäste wollten dabei sein, Musik hören, quatschen und natürlich feiern.
Und wenn Radio QueerLive schon einmal so viele Gäste im Studio hatte, durfte selbstverständlich eines nicht fehlen: eine Cocktailparty.
Philipp und Tom waren mittendrin, überall wurde gelacht, geredet und angestoßen. Auch Frau Bond hatte sich zunächst unter das Volk gemischt. Doch ihre gesellschaftliche Belastungsgrenze war an diesem Abend erstaunlich schnell erreicht.
Irgendwann ging ihr das ganze Schickimicki-Gequatsche einfach auf den Geist.
Ohne große Ankündigung verschwand sie aus dem Studio und zog sich in ihr Büro zurück.
Endlich Ruhe.
Frau Bond setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete eine Schublade ihres Schreibtischs und holte eine Flasche Club-Cola heraus.
Gerade wollte sie die Flasche öffnen, da ging die Tür auf.
Philipp.
Frau Bond holte bereits tief Luft, um ihn mit wenigen, aber vermutlich sehr deutlichen Worten wieder hinauszubefördern.
Doch Philipp kam ihr zuvor.
„Gehen dir die Leute auch auf den Kranz? Diese ganzen Schickimicki-Typen gehen mir langsam auf den Sack.“
Frau Bond schloss den Mund wieder.
Philipp entdeckte die Club-Cola auf ihrem Schreibtisch.
Er grinste. „Ich wette, du wärst jetzt auch lieber woanders.“
Dann öffnete er seinen Rucksack.
Eine Flasche Curaçao kam zum Vorschein.
„Wenn, dann richtig.“
Langsam zog sich ein Lächeln über Frau Bonds Gesicht. Sie öffnete noch einmal die Schublade und holte ein zweites Glas heraus.
„Deine Empathie wird immer besser. Los, lass uns was trinken.“
Club-Cola ins Glas.
Curaçao dazu.
Beide stießen an.
Für einen Moment schlossen sie die Augen.
Und vermutlich dachten beide an denselben Abend zurück. An die Busche. An das Jahr 1990. An Silvia. An Andreas. An Wolfgang und seine Kassetten. An eine völlig andere Zeit.
Als Philipp die Augen wieder öffnete, schaute Frau Bond ihn an.
Sie sagte nur ein Wort.
„Bereit?“
Ein breites Lächeln zog über Philipps Gesicht.
„Lass uns starten.“
Frau Bond hob ihre Hand.
KLATSCH.
Philipp bekam die flache Hand gegen die Stirn.
Das Büro verschwand.
Wände, Schreibtisch, Radio QueerLive, Musik und Cocktailparty lösten sich auf. Die Welt begann sich zu drehen.
Als alles wieder stillstand, standen die beiden am S-Bahnhof Schönhauser Allee.
Philipp schwankte kurz.
„Also irgendwann musst du dir für diese Zeitreisen eine Methode ausdenken, bei der ich keine Gehirnerschütterung bekomme.“
Frau Bond ignorierte ihn.
Philipp sah sich um.
Keine Schönhauser Allee Arcaden.
Stattdessen die alte Abfertigungshalle der Berliner S-Bahn.
Plötzlich donnerte es über ihren Köpfen. Die Räder einer U-Bahn ratterten über die Hochbahn.
Philipp blickte nach oben.
„Frau Bond?“
„Was?“
„Sind wir diesmal vielleicht ein bisschen zu weit zurück? Das ist ja noch die ganz alte U Bahn?“
Frau Bond lachte.
„Keine Sorge. Die alten U-Bahn-Wagen sind ziemlich lange gefahren.“
„Na dann.“
Sie gingen los.
Schon nach kurzer Zeit entdeckte Philipp etwas.
„Moment mal!“
An einer Ecke lag das legendäre Café Nord. Philipp zeigte begeistert darauf.
„Das hat Andreas doch beim letzten Mal erwähnt!“
Frau Bond nickte.
„Ja. Leider wird es bald verschwinden. Später kommt da eine Sparkasse rein.“
Sie gingen weiter.
Vielleicht 120 Meter.
Dann blieben sie vor einer Kneipe stehen. Über den beiden Schaufenstern stand in großen Buchstaben:
BURGFRIEDEN.
Schon von draußen hörten sie Stimmen und Gelächter.
Philipps Augen leuchteten.
„Oh Mann! Hier haben sie Coming Out gedreht! Den Film habe ich tausendmal gesehen!“
Er war schon durch die Tür.
Frau Bond folgte.
Doch kaum war Philipp drinnen, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
Er schaute nach links.
Nach rechts.
Dann wieder nach links. „Frau Bond?“
„Ja?“
„Im Film waren hier aber viele junge Leute.“
Frau Bond brach in Gelächter aus.
„Guck doch mal an der vorderen Bar vorbei. Links durch den Durchgang.“
Philipp schaute.
Und da waren sie.
Die jüngeren schwulen Gäste.
Seine Stimmung war augenblicklich wieder hergestellt.
„Ah!“
Schon flitzte er los.
Frau Bond hinterher.
Die beiden standen gerade an der Bar und Frau Bond wollte ihre Club-Cola mit Curaçao bestellen, als sie eine Stimme hörte.
Eine sehr bekannte Stimme.
„Na sowas.“
Frau Bond drehte sich um. Am anderen Ende der Bar stand Andreas.
Er erkannte sie sofort. „Frau Bond!“
Freudig kam er auf sie zu und nahm sie in den Arm.
Dann sah er Philipp.
Sein Gesicht wurde ernst. „Ach. Der mit der Pampe in den Haaren ist auch wieder da.“
Philipp starrte ihn an.
Doch Andreas konnte das ernste Gesicht nicht lange halten. Er lachte, nahm auch Philipp in den Arm und klopfte ihm auf den Rücken.
„Schön, dass du da bist.“
Philipp grinste. „Du Naturkatastrophe. Geht doch.“
„Wo wart ihr eigentlich das letzte Jahr?“, wollte Andreas wissen.
Frau Bond und Philipp sahen sich kurz an.
„Arbeit“, sagte Frau Bond.
„Keine Zeit“, sagte Philipp.
„Aha.“ Andreas schien nicht vollständig überzeugt zu sein.
Aber das war egal.
Die Freude über das Wiedersehen war größer.
Kurz darauf kam auch Silvia dazu.
Nachdem sich alle begrüßt hatten, ging Andreas an die Bar.
„Vier Club-Cola mit Curaçao!“
Als die Gläser auf dem Tresen standen, rief er die anderen zu sich.
Silvia schaute ihn verwundert an.
Frau Bond ebenfalls.
„Andreas in Spendierhosen?“ Fragte Silvia.
Das war offenbar ein historischer Moment.
Er hob sein Glas. „Ich muss mich bei dir bedanken, Frau Bond.“
„Wofür?“
„Für deinen Tipp mit dem Sommercamp.“
Frau Bond lächelte.
Andreas erzählte begeistert weiter.
„Das Lambda-Sommercamp am Knappensee war ein voller Erfolg gewesen. Mehr als hundert junge Menschen aus den fünf neuen Bundesländern waren gekommen. Sie hatten gemeinsam gezeltet, gefeiert, geredet und eine wunderbare Zeit erlebt.“
„Und?“, fragte Frau Bond.
Andreas schaute sie an.
„Was und?“
„War noch was?“
„Wir hatten schönes Wetter.“
Frau Bond hob eine Augenbraue.
„Sonst war nichts?“
Da platzte Silvia dazwischen.
„Doch! Diese Livesendung von der Wiese! Dieser Radiosender! Steckt ihr dahinter? Ist das euer Sender?“
Philipp fing an zu lachen. „Sagen wir mal so: ein Mitbewerber.“
Er nahm einen Schluck. „Wir senden ja weltweit.“
Andreas sah ihn mit großen Augen an. „Weltweit? Wow!“
Philipp fasste sich an die Stirn.
„Ach ja. Internet gibt’s ja noch gar nicht.“
Zum Glück ging Andreas auf diesen Satz nicht weiter ein. Stattdessen leerte er sein Glas und verkündete:
„Mir wäre jetzt richtig nach Busche.“
Silvia lachte. „Seit deinem ersten Besuch bist du richtig zur Busche-Husche geworden.“
Andreas grinste. „Zum Glück hat die Busche montags, dienstags und donnerstags geschlossen. Sonst wäre ich wahrscheinlich jeden Tag da.“
„Und was machst du an den anderen Tagen?“, fragte Philipp.
„Stiller Don. Oder Ackerkeller.“ Antwortete Andreas.
Frau Bond stellte ihr Glas auf den Tresen.
Plötzlich nahm sie eine Haltung an, als würde sie einen militärischen Marschbefehl verkünden.
„AUF IN DIE BUSCHE!“
Widerspruch zwecklos.
Die Gruppe machte sich auf den Weg.
Ab der Pappelallee nahmen sie die Linie 70, die direkt von Prenzlauer Berg zur Busche fuhr.
Schon in der Straßenbahn herrschte eine fantastische Stimmung. Überall saßen Schwule und Lesben, viele offensichtlich mit demselben Ziel.
Plötzlich stand Silvia auf. Sie breitete die Arme aus.
„Herzlich willkommen im Teekannen-Express!“
Philipp lachte laut. „Geil! Ihr seid so irre!“
Frau Bond verstand nur Bahnhof.
„Im was bitte?“
Andreas erklärte es ihr. „Teekannen-Express. Die Linie 70 verbindet die Busche mit der Schoppenstube in Prenzlauer Berg. Und weil so viele Gays mit der Bahn von einem Laden zum anderen fahren, heißt sie bei uns Teekannen-Express.“
Frau Bond nickte anerkennend.
„Auch nicht schlecht.“
Als die Straßenbahn schließlich hielt, geschah etwas, das Philipp faszinierte.
Alles, was irgendwie schwul oder lesbisch aussah, stieg aus.
Und fast geschlossen setzte sich die Gruppe Richtung Busche in Bewegung.
Samstagabend.
Vor der Busche stand eine Schlange, die gefühlt fünfzig Meter lang war.
„Na wunderbar“, murmelte Philipp.
Da öffnete sich vorne die Tür. Der Einlasser schaute heraus.
Plötzlich entdeckte er Frau Bond.
Er winkte.
Frau Bond zeigte auf sich.
Der Mann nickte.
Sie sollten vorkommen.
Frau Bond setzte sich in Bewegung.
„Jetzt komme ich mir vor wie im Studio 54.“
Philipp folgte ihr.
Wobei die Busche etwas hatte, was Studio 54 nicht bieten konnte: Sie war zu dieser Zeit der einzige schwule Club in den neuen Bundesländern.
Am Eingang angekommen, begrüßte Frau Bond den Einlasser freundlich und nahm ihn kurz in den Arm.
„Ich bin übrigens Sven“, sagte er.
„Danke, Sven.“
Und schon waren sie drin.
Wolfgang stand wieder hinter seinem DJ-Pult.
Mit seinen Kassetten.
Um 19.30 Uhr war die Stimmung bereits der absolute Wahnsinn.
Lisa Stansfield.
Culture Club.
Michael Jackson.
Ein Tanzflächenstürmer nach dem anderen.
Die vier tanzten wie die Wilden.
Na ja. Fast alle vier.
Andreas stand natürlich zunächst wieder am Rand. „Nein.“
Philipp zog an seinem Arm.
„Doch.“
„Ich will nicht.“
Silvia stellte sich hinter ihn.
„Das hatten wir schon mal.“
„Silvia, wag es nicht!“
Zu spät.
Diesmal wurde Andreas gleichzeitig gezogen und geschoben.
Wenig später tanzte auch er.
Irgendwann blieb Frau Bond stehen.
„ICH TROCKNE AUS!“
Die anderen sahen sie an.
„Ich komme mir vor wie in der Wüste Gobi!“
Alle drei lachten.
Silvia hob die Hand. „Jetzt gebe ich uns mal einen aus.“
Frau Bond sah sie an.
„Moment.“
Silvia blieb stehen.
„Was ist eigentlich mit deinem Job? Jetzt, wo du keine Leistungssportlerin für die DDR mehr bist?“
Silvias Gesicht wurde ernster. „Ich bin arbeitslos.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ist gerade alles nicht so einfach.“
Frau Bond legte beide Hände auf Silvias Schultern. „Dann wirst du auf gar keinen Fall bezahlen.“
Silvia holte bereits Luft.
Doch Philipp fiel ihr ins Wort.
„Wenn Frau Bond die Spendierhosen anhat, hält man den Ball flach.“
Er zeigte auf Frau Bond.
„Und glaub mir: Das macht sie nur bei euch.“
Frau Bond sah ihn an.
Philipp grinste.
Stunden vergingen.
Eine Neuerung gab es inzwischen in der Busche: Sie hatte länger geöffnet.
Und selbst um 4.30 Uhr morgens rockte Wolfgang mit seinen Kassetten noch immer den Dancefloor.
Gerade war die Schlagerrunde vorbei. Jetzt begann bereits die dritte Madonna-Runde.
Und natürlich waren sie sofort wieder da. Die üblichen Madonna-Huschen.
In ihrer Nähe konnte man kaum tanzen.
„Vogue“ lief.
Und die Madonna-Fans lebten jeden einzelnen Takt tänzerisch aus.
Philipp beobachtete sie begeistert.
Doch plötzlich änderte sich alles.
Frau Bond spürte ein Kratzen im Hals.
Dann bekam sie keine Luft mehr.
„Was ist denn…“
Neben ihr ging Philipp plötzlich zu Boden. Er hielt sich beide Hände vor den Mund.
Überall begannen Menschen zu husten.
Panik.
Die Gäste rannten Richtung Ausgang.
Silvia reagierte sofort. Sie packte Philipp, legte ihn sich über die Schulter und marschierte mit ihm nach draußen.
Kaum waren sie im Freien, kam die Erlösung.
Luft.
Philipp hustete.
Frau Bond atmete tief ein. „Was zum Teufel war das?“
Sven kam aus dem Eingang.
„Tut mir leid.“
„Was ist passiert?“, wollte Frau Bond wissen.
Sven zeigte in Richtung Schule.
Weiter entfernt stand ein Typ.
Und lachte.
Sven erklärte, der Mann habe mit einer Gaspistole in die Busche geschossen – so lange, bis das Magazin leer gewesen sei.
Die Chefin habe bereits die Polizei gerufen.
Sven schüttelte den Kopf. „Aber unter einer Stunde kommen die doch sowieso nicht. Manchmal hat man das Gefühl, die kommen erst, wenn die Gefahr vorbei ist.“
Silvia sah auf ihre Uhr.
„Gut.“
Alle sahen sie an.
„Dann haben wir ja noch 52 Minuten.“
Sie ging los.
Andreas rief ihr hinterher.
„Was wird das denn jetzt?“
Silvia drehte sich nicht einmal um.
„Ich bin gleich wieder da. Jetzt will ich auch mal Spaß.“
Frau Bond hob beide Hände, legte sie hinter die Köpfe der beiden Jungs und schob sie Richtung Eingang. „Was man nicht weiß, macht uns nicht heiß.“
Philipp drehte sich noch einmal um.
„Aber der hat doch überhaupt keine Chance gegen eine DDR-Kampfsportlerin!“
Frau Bond schob weiter. „Also mir wäre jetzt nach einer Club-Cola mit Curaçao.“
An der Bar angekommen, überraschte sie selbst den Barkeeper. „Einen Sektkübel. Zwei Flaschen Club-Cola. Eine Flasche Curaçao und vier Gläser.“
Der Barkeeper starrte sie an.
„Wie bitte?“
„Du hast mich schon verstanden.“
So etwas hatte offenbar noch nie jemand bestellt.
Der Mann überlegte, was das wohl kosten könnte. Mehr als dreißig Mark erschien selbst ihm zu viel.
Also stellte er den Kübel und vier Gläser auf den Tresen.
In diesem Moment kam Silvia wieder herein.
Philipp sah sie an. „Lebt er noch?“
Andreas drehte sich zu Philipp. „Ich weiß überhaupt nicht, wen du meinst.“
Frau Bond schenkte ein. Diesmal keine homöopathische Mischung.
50:50.
Sie drückte jedem ein Glas in die Hand. „Los. Trinken. Dann tanzen.“
Als die Jungs Richtung Tanzfläche gingen, hielt Frau Bond Silvia kurz zurück. „Ich hoffe, er hatte keinen Blitzeinschlag.“
Silvia grinste. „Geblitzt hat es nicht.“
Kurze Pause.
„Aber gewaltig gedonnert.“
Später schnappte sich Frau Bond Andreas erneut.
Mittlerweile war er ausgesprochen gut gelaunt und ging freiwillig mit.
In einer ruhigeren Ecke wurde Frau Bond ernst. „Hör mir jetzt genau zu.“
Andreas kannte diesen Ton inzwischen.
„Ich weiß, dass euer nächstes Sommercamp nach Mecklenburg-Vorpommern geht.“
Er sah sie überrascht an.
„Woher weißt du das schon wieder?“
„Sternberg“, ergänzte Frau Bond.
Andreas starrte sie an. „Woher…“
„Nicht wichtig.“ Sie trat näher.
„Euch werden Jugendliche aus dem Ort besuchen.“
„Ja, und?“
„Lasst sie abends bei euch im Camp tanzen. Jeden Abend.“
Andreas verstand nicht. „Warum?“
Frau Bond wiederholte es.
Diesmal noch deutlicher.
„Lasst die Jugendlichen bei euch tanzen. Es wird ein Tag kommen, an dem sie euch warnen werden, wenn einige Rechte das Camp überfallen wollen.“
Andreas stellte sein Glas ab.
Die gute Laune war schlagartig verschwunden. „Bitte was?“
Er sah Frau Bond an. „Sollen wir das Camp absagen?“
„Nein!“
Frau Bonds Antwort kam sofort.
„Auf keinen Fall absagen.“
Sie zeigte mit dem Finger auf ihn.
„Ihr müsst nur mit den Jugendlichen zusammen feiern.“
Andreas nickte langsam. „Okay.“
Dann schaute er sie lange an.
„Frau Bond, woher kommst du eigentlich wirklich? Und Philipp?“
Frau Bond grinste. „Vom Planeten Uranus.“
Sie drehte sich um und ging lachend zurück zur Tanzfläche.
Philipp und Silvia tanzten noch immer.
Doch jetzt war es Zeit.
Frau Bond verabschiedete sich von Silvia.
Dann von Andreas.
Philipp sah das und wusste sofort, was das bedeutete.
„Och nö.“
Doch gegen Frau Bond hatte er keine Chance.
Wenig später standen die beiden hinter der Busche.
In diesem Moment fuhr ein Krankenwagen mit Blaulicht davon.
Philipp schaute ihm nach.
Dann sah Frau Bond ihn an.
„Bereit?“
„Yep.“
KLATSCH.
Wieder traf ihre Hand seine Stirn.
Die Welt begann sich zu drehen.
Die Busche verschwand.
Weißensee verschwand.
Prenzlauer Berg verschwand.
Jahre rasten an ihnen vorbei.
Und plötzlich saßen sie wieder im Büro von Frau Bond.
Radio QueerLive.
Die Musik der Cocktailparty drang gedämpft durch die Tür.
Doch diesmal sagte keiner etwas.
Frau Bond saß hinter ihrem Schreibtisch.
Philipp ihr gegenüber.
Minutenlang herrschte Stille.
Dann sah Philipp sie an. „Was für eine krasse Zeit damals.“
Frau Bond nickte. „Ja.“
Philipp schaute auf sein Glas. „Die Probleme dieser Generation waren wirklich nicht leicht.“
Frau Bond wurde ernst.
„Die Busche wurde damals immer wieder von Rechten angegriffen. Oder sie warteten ein paar Straßen weiter auf Gäste, die aus der Busche kamen.“
Philipp sagte nichts.
„Man hat ihnen aufgelauert“, fuhr Frau Bond fort. „Und manche wurden so zusammengeschlagen, dass sie im Krankenhaus landeten.“
Die ausgelassene Cocktailparty draußen im Studio fühlte sich plötzlich sehr weit entfernt an.
Nach einer Weile fragte Philipp:
„Was hast du Andreas eigentlich gesagt?“
Frau Bond sah ihn an. „Beim nächsten Sommercamp in Sternberg wollen Leute aus einer rechten Disco das Camp überfallen. Nachdem der NDR einen Fernsehbeitrag über das Sommercamp sendet, wollen einige Rechte dort hin.“
Philipp schluckte. „Und deshalb die Jugendlichen?“
Frau Bond nickte.
„Deshalb habe ich Andreas den Tipp gegeben.“
Philipp schaute nachdenklich zur Seite. Dann fiel sein Blick auf die Uhr.
Er runzelte die Stirn. „Moment mal.“
Er schaute genauer hin.
„Fünf Minuten?“
Frau Bond sagte nichts.
„Wir waren stundenlang weg!“
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Tom steckte den Kopf herein.
Aus dem Studio drangen Musik und Stimmen.
„Hey Philipp! Kommst du mal wieder raus und feierst?“
Philipp sah zu Tom.
Normalerweise hätte man ihn nicht zweimal fragen müssen. Doch diesmal schüttelte er den Kopf.
„Feiert ohne mich.“
Tom musterte ihn kurz. „Alles okay?“
Philipp nickte. „Ja. Ich möchte nur gerade hierbleiben.“
Tom zuckte mit den Schultern.
„Okay.“
Die Tür fiel wieder ins Schloss.
Philipp war tatsächlich nicht nach Feiern.
Erstens hatte er gerade gefühlt stundenlang gefeiert.
Und zweitens gingen ihm die Bilder nicht aus dem Kopf.
Die Busche.
Die Menschen.
Die Angst.
Die Gewalt.
Aber auch der Zusammenhalt.
Ein Sommercamp mit mehr als hundert jungen Menschen, die sich endlich kennenlernen konnten.
Eine Straßenbahn voller Schwuler und Lesben auf dem Weg zu einem Ort, an dem sie gemeinsam feiern konnten.
Silvia, die plötzlich ohne Arbeit dastand.
Andreas, der versuchte, etwas Neues aufzubauen.
Und eine Busche, die trotz allem Nacht für Nacht ihre Türen öffnete.
Frau Bond öffnete wieder die Schublade ihres Schreibtischtanks.
Man hörte das Klirren zweier Gläser.
Dann fragte sie ungewöhnlich leise:
„Noch einen Drink?“
Philipp sah sie an.
Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Aber nur einen Hauch Curaçao.“
Frau Bond nickte.
Und draußen wurde weitergefeiert.
Ende Teil 2
