
Radio QueerLive – Eine Berliner Liebesgeschichte
Teil 8
Besuch aus der Heimat
Es ist Samstagmittag in Berlin, Prenzlauer Berg. Der Tag beginnt gemütlich: Tom liegt auf dem Sofa, ein Käsebrot auf dem Bauch, Philipp wuselt barfuß durch die Küche. Der Himmel ist grau, aber die Stimmung zwischen ihnen ist warm und leicht. Das Wochenende gehört ihnen. Oder… das dachten sie zumindest.
Dann klingelt Philipps Handy.
„Mama“, murmelt er, schaut auf das Display – und nimmt seufzend ab.
„Philipp, Schatz, ich hab eine Überraschung für dich!“
Philipp verdreht die Augen. „Was denn, Mama?“
„Die Wessendorf, du weißt schon, meine Nachbarin, hatte da so eine wunderbare Idee! Wir haben uns überlegt… wir kommen dich heute besuchen!“
Philipp friert ein. „Was? Heute?“
„Ja, heute! Und – pass auf – wir wollen heute Abend mit dir und deinem Freund in eine Homosexuellen-Bar gehen! Damit wir auch mal sehen, wie das so ist. Richtig subversiv, verstehste?“
Im Hintergrund ruft Frau Wessendorf: „Sagen Sie ihm, wir sind um acht bei ihm!“
Philipp starrt entgeistert auf sein Handy. Dann dreht er sich langsam zu Tom.
„Wir haben ein Problem.“
20:00 Uhr. Marienburger Straße.
Vier Gestalten stehen vor dem Marienhof: Philipp, der nervös an seiner Jacke zupft, Tom, der sich panisch umsieht, und zwei resolute Frauen – Frau Wessendorf, neugierig und energisch, und Philipps Mutter, stolz und fest entschlossen.
„Ist das… sauber hier drin?“ fragt die Mutter skeptisch beim Eintreten.
„Und was gibt es zu trinken?“ fragt Frau Wessendorf und schaut interessiert auf die Bar.
„Oh! Da sind ja auch Frauen! Ich dachte, hier wären nur… Männer? Ist das wirklich eine Homosexuellenbar?“
Jutta Jägermeister hinterm Tresen grinst, als hätte sie alles schon mal gesehen. „Vier Sekt auf Eis, bitte. Und da hinten ist ein Tisch für euch.“
Die vier setzen sich. Tom sitzt stocksteif, Philipp schaut verlegen ins Glas. Die Mutter blickt sich prüfend um.
„Also, wer von euch bringt eigentlich den Müll runter?“
Tom und Philipp schauen sich an.
„Mama… echt jetzt?“
Frau Wessendorf lacht. „Na, ich frag mich halt, wie das bei zwei Männern läuft. Sie müssen mir das nachsehen, ich bin noch in der Lernphase.“
Es ist eine seltsame Mischung aus Peinlichkeit und Sympathie. Gerade als Philipp denkt, es könne nicht schlimmer werden, passiert es:
Jan tritt an den Tisch.
Sein Blick? Eisig. Sein Ton? Spöttisch.
„Ach guck mal… die beiden größten Schlampen von Berlin. Und wen haben wir denn da? Besuch vom Land?“
Tom erstarrt. Philipp wird blass.
Die Mutter schaut langsam auf. Ihre Miene versteinert.
Freundlich fragt sie, „wie haben Sie meinen Sohn gerade genannt?“
Jan grinst süffisant. „Ich hab gesagt, sie sind Schlampen und Nutten. Haben Sie was dagegen?“

Plötzlich springt die Mutter auf. Mit überraschender Kraft packt sie Jan am Ohr, zieht ihn quer durch den Raum hinter den Tresen.
Jutta Jägermeister macht einen Schritt zur Seite – mit einem erfreuten Geinsen.
Und dann – platsch.
Jans Kopf landet im Spülwasser.
Kommt wieder hoch. „Niemand nennt meinen Sohn oder seinen Freund eine Schlampe! Hast du mich verstanden?!“
Sie zieht seinen tropfenden Kopf aus dem Wasser.
„Hast du mich verstanden?!“
„J-ja…“ japst Jan.
Platsch. Noch einmal ging es in die Brühe.
„Noch Fragen?!“
Jan steht klitschnass auf, sein Haar tropft, sein Stolz liegt am Boden. Wortlos wankt er in Richtung Ausgang. Die gesamte Bar johlt.
Jutta Jägermeister kommt hinter den Tresen hervor, wischt sich die Hände an einem Tuch ab und schaut Philipps Mutter anerkennend an.
„Sagen Sie mal… hätten Sie Lust, ab und zu bei uns Tür zu machen? Wir suchen noch wen mit Rückgrat.“
Die Mutter lacht, schüttelt den Kopf.
„Ach nee, Kindchen, ich hab schon einen Job – aber Sie können mir ruhig noch einen Sekt bringen.“
Später am Abend.
Tom und Philipp sitzen dicht nebeneinander. Die Stimmung ist wieder leicht. Die Mutter nippt am Glas. Frau Wessendorf tanzt auf dem Tresen zu Madonna – Vogue. Alle jubeln.
„Also“, sagt Philipps Mutter leise, „vielleicht ist das ja alles doch nicht so schlimm, wie ich dachte. Tom… du wirkst vernünftig. Und du hast gute Haare.“
Tom lacht.
Philipp beugt sich zu ihm rüber, gibt ihm einen Kuss.
Die Mutter räuspert sich.
„Na ja… daran werde ich mich wohl noch gewöhnen müssen.“
Und Frau Wessendorf kommt gerade zum Tisch und lächelt beschwipst:
„Bei mir gibt’s übrigens immer Kaffee und Käsekuchen für euch zwei.“
Ende, Teil 8 – Morgen geht’s weiter um 20:00 Uhr