Ach, wie schön ist doch der Berliner CSD geworden.
Früher war das mal eine Demonstration.
Da ging es um gleiche Rechte, um Sichtbarkeit, um den Kampf gegen Diskriminierung.
Heute ist das natürlich viel moderner.
Heute marschieren endlich die wirklich wichtigen Teilnehmer mit.
Commerzbank.
Mercedes-Benz.
Eurowings.
ImmoScout24.
Siemens.
Levi’s.
Lieferando.
DHL.
eBay.
Deutsche Telekom.
TUI.
Zalando.
Und ja – Möbel Höffner wäre vermutlich auch gern dabei gewesen.
Die Teilnahme wurde nach heftiger Kritik allerdings abgesagt.
Hintergrund war die bekannt gewordene AfD-Spende des Unternehmers Kurt Krieger.
Bemerkenswert bleibt dabei: Der Berliner CSD e.V. hatte gegen eine Teilnahme offenbar keinerlei Einwände.
Aber seien wir ehrlich:
Der Berliner CSD hat damit etwas wirklich Großes geschaffen.
Warum sollte man sich heute noch an Stonewall erinnern?
Warum an die Polizeigewalt von New York?
Warum an all die Menschen denken, die weltweit verfolgt, beleidigt, geschlagen oder sogar ermordet werden, weil sie queer sind?
Viel wichtiger ist doch die entscheidende Frage:
Welches Unternehmen fährt eigentlich vor welchem Unternehmen?
Und besonders gelungen ist die Bescheidenheit der Konzerne.
Sie schreiben nicht einmal „Queeres Netzwerk“, „Pride Group“ oder „LGBTQ+-Mitarbeitende“.
Nein.
Da steht einfach der Unternehmensname.
DHL.
eBay.
Lieferando.
Herrlich ehrlich.
Wozu Menschen erwähnen, wenn Marken doch viel mehr Strahlkraft besitzen?
Fast könnte einem leidtun, dass diese großen Marken zwischen all den queeren Menschen am Straßenrand und auf der Demonstration untergehen.
Ein schweres Schicksal.
Ach ja – da wäre ja auch noch der Truck der CDU.
Denn während sich die Berliner CDU bunt und gut gelaunt auf dem Berliner CSD präsentieren darf, hat Bundesjugendministerin Karin Prien angekündigt, die Förderung des Jugendnetzwerks Lambda zum Jahresende zu beenden.
Ausgerechnet Lambda.
Der einzige bundesweite Jugendverband, der sich speziell für queere junge Menschen einsetzt.
Aber vielleicht braucht man Lambda heute ja auch gar nicht mehr.
Vielleicht gibt es gar keine Jugendlichen mehr, die Angst vor ihrem Coming-out haben.
Vielleicht gibt es kein Mobbing mehr an Schulen.
Vielleicht brauchen Eltern keine Beratung mehr.
Vielleicht gibt es keine Ausgrenzung mehr.
Vielleicht keine Einsamkeit.
Vielleicht keine Depressionen.
Vielleicht keine Gewalt.
Vielleicht keine Angst davor, einfach so zu leben, wie man ist.
Dann wäre die Streichung der Förderung natürlich nur konsequent.
Und außerdem ist die Berliner CDU ja schließlich nicht die gleich CDU wie im Bund.
Politisch mag das stimmen.
Für viele junge Menschen dürfte allerdings am Ende wichtiger sein, welche Entscheidungen getroffen werden – und nicht, welche Regenbogenfahnen auf einem Truck wehen.
Natürlich ist Sponsoring wichtig.
Ohne Geld lassen sich Veranstaltungen dieser Größenordnung kaum organisieren.
Aber wenn Logos irgendwann präsenter sind als die Community selbst, darf man zumindest die Frage stellen, ob aus einer Demonstration nicht langsam eine rollende Werbeveranstaltung geworden ist.
Viel schlimmer wäre der Gedanke, wenn sich ein queerer Verein zusammen mit einer Marke an einem Truck zeigt auf dem Berliner CSD. Das wäre ja eine Zumutung.
Während auf den Trucks gefeiert wird, stehen entlang der Strecke auch Menschen, die mit queeren Lebensrealitäten an den übrigen 364 Tagen des Jahres möglichst nichts zu tun haben wollen.
An diesem einen Tag geht das plötzlich erstaunlich gut.
Mit einer Flasche Wodka in der Hand lässt sich schließlich fast alles ertragen.
Dann wird gefilmt.
Gelacht.
Mit der eigenen Bubble über „die da“ gespottet.
Und wenn die Flasche leer ist, kippt die Stimmung leider nicht selten.
Aus Häme werden Beleidigungen.
Aus Beleidigungen werden Belästigungen.
Und aus Belästigungen wird manchmal Gewalt.
Genau deshalb ist der Christopher Street Day eben keine gewöhnliche Party.
Er ist keine rollende Werbeplattform.
Keine Markenparade.
Keine Kulisse für das perfekte Selfie.
Er ist eine Demonstration.
Eine Demonstration für Menschen, die auch im Jahr 2026 noch um Respekt, Sicherheit und gleiche Rechte kämpfen müssen.
Vielleicht täte es dem Berliner CSD gut, sich daran wieder etwas häufiger zu erinnern.
Radio QueerLive
Die Redaktion
