🏳️🌈 Radio QueerLive sprach mit Falko Jentsch von CSD Sachsen Anhalt 🏳️🌈
Der Wahlsonntag hat Sachsen-Anhalt politisch verändert – und für viele queere Menschen stellt sich am Morgen danach die Frage, was dieses Ergebnis für ihr Leben, ihre Sicherheit und ihre Zukunft im Land bedeutet.
Das vorläufige Ergebnis ist eindeutig: Die AfD erreicht 43,8 Prozent und erhält 39 der 83 Sitze im neuen Landtag. Zur absoluten Mehrheit fehlen ihr lediglich drei Mandate. Die CDU kommt auf 17,2 Prozent, die SPD auf 9,3 Prozent, die Grünen auf 8,9 Prozent und die Linke auf 8,6 Prozent. Besonders wichtig für die künftigen Mehrheitsverhältnisse: Das BSW schafft mit 5,3 Prozent den Einzug und erhält fünf Mandate.
Damit beginnt in Magdeburg nicht nur die Suche nach politischen Mehrheiten. Für die queere Community beginnt eine Zeit großer Unsicherheit.
Denn queeres Leben in Sachsen-Anhalt findet nicht nur in Magdeburg und Halle statt. Es findet in Stendal, Köthen, Wernigerode, Dessau-Roßlau, Schönebeck, Merseburg und in vielen kleinen Städten und Dörfern statt. Gerade dort braucht es Menschen, Vereine und CSDs, die sichtbar machen: Auch hier gibt es queeres Leben.
Schon vor dieser Wahl waren viele dieser Strukturen auf ehrenamtliches Engagement angewiesen. Beratungsstellen, Begegnungsangebote und CSDs arbeiten teilweise unter schwierigen Bedingungen. Hinzu kommen Anfeindungen, zerstörte oder gestohlene Regenbogenflaggen und die Sorge vor zunehmender Gewalt.
Ein Wahlergebnis von 43,8 Prozent verändert deshalb nicht automatisch über Nacht Gesetze oder Förderprogramme. Es kann aber das gesellschaftliche Klima verändern. Und die entscheidende politische Frage wird sein, welche Mehrheiten im neuen Landtag entstehen und welche Konsequenzen daraus für queere Projekte, Beratungsangebote und die demokratische Zivilgesellschaft folgen.
Wie fühlt sich ein solcher Morgen für diejenigen an, die seit Jahren genau diese Strukturen aufbauen und verteidigen?
Radio QueerLive hat darüber mit Falko Jentsch vom Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e.V. gesprochen.
Wir wollten von ihm nicht nur wissen, wie er dieses Wahlergebnis politisch bewertet. Wir wollten wissen, was es mit den Menschen macht.
🏳️🌈 Das Interview 🏳️🌈
🏳️🌈 1. Die AfD hat bei der Landtagswahl 43,8 Prozent erreicht und verfügt künftig über 39 von 83 Sitzen. Was war dein erster Gedanke, als du dieses Ergebnis gesehen hast?
Fassungslosigkeit. Obwohl wir seit Monaten wussten, dass ein sehr starkes Ergebnis der AfD möglich ist, ist es etwas völlig anderes, am Ende diese Zahl tatsächlich vor sich zu sehen. 43,8 Prozent. Fast jede zweite abgegebene Stimme.
Mein erster Gedanke war tatsächlich: Wie kann so viel Hass, Ausgrenzung und Ablehnung gegenüber anderen Menschen in dem Land Zustimmung finden, in dem wir leben und das unsere Heimat ist?
Und natürlich denkt man in diesem Moment sofort an all die Menschen, mit denen wir tagtäglich arbeiten. An queere Jugendliche in kleinen Orten, an Menschen, die sich gerade erst geoutet haben, an Ehrenamtliche, die unter teilweise schwierigen Bedingungen CSDs organisieren. Für sie verändert so ein Wahlabend etwas. Das kann und darf man nicht kleinreden.
🏳️🌈 2. Macht dir dieses Wahlergebnis persönlich Angst – und wenn ja, wovor hast du mit Blick auf die kommenden Jahre am meisten Sorge?
Ja. Natürlich macht mir dieses Ergebnis Angst.
Und diese Angst entsteht nicht erst seit gestern. Wir erleben seit Jahren, wie sich das gesellschaftliche Klima verändert. Wir erleben Anfeindungen, Bedrohungen und Einschüchterungsversuche. Auch ich persönlich habe in den vergangenen Jahren erfahren müssen, wie weit Menschen bereit sind zu gehen.
Meine größte Sorge ist deshalb nicht nur eine einzelne politische Entscheidung. Meine Sorge ist, dass Grenzen immer weiter verschoben werden und Dinge plötzlich gesellschaftsfähig erscheinen, die vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wären.
Wenn Menschen das Gefühl bekommen, ihre Abwertung von queeren Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte oder anderen Minderheiten werde durch ein solches Wahlergebnis bestätigt, dann hat das ganz konkrete Auswirkungen auf unseren Alltag.
🏳️🌈 3. Was bedeutet ein AfD-Ergebnis von fast 44 Prozent aus deiner Sicht für queere Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben und vielleicht ohnehin schon das Gefühl haben, gesellschaftlich unter Druck zu stehen?
Für viele ist dieses Ergebnis ein Schock. Wir bekommen schon seit Jahren mit, wie groß die Unsicherheit gerade bei jungen queeren Menschen ist.
Dabei darf man nicht vergessen, dass Sachsen-Anhalt eben nicht nur Magdeburg und Halle ist. Wir arbeiten als Landesverband in ganz Sachsen-Anhalt und unterstützen CSDs und queere Strukturen beispielsweise in Stendal, Köthen, Wernigerode, Dessau-Roßlau, Schönebeck oder Merseburg. Gerade in kleineren Städten und im ländlichen Raum kann Sichtbarkeit sehr viel Mut erfordern.
Wenn man dort lebt und sieht, dass teilweise deutlich mehr als 40 oder sogar 50 Prozent AfD wählen, kann schnell die Frage entstehen: Bin ich hier überhaupt noch willkommen?
Genau deshalb dürfen wir diese Menschen jetzt nicht alleinlassen.
🏳️🌈 4. Befürchtest du, dass sich durch dieses Wahlergebnis auch das gesellschaftliche Klima verändert und Menschen sich stärker ermutigt fühlen könnten, offen homo- oder transfeindlich aufzutreten?
Ja, diese Sorge haben wir sehr deutlich.
Wir erleben diese Entwicklung allerdings nicht erst seit diesem Wahlabend. Die Hemmschwellen sind bereits gesunken. Regenbogenflaggen werden zerstört oder gestohlen, Veranstaltungen müssen stärker abgesichert werden und Menschen werden wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angefeindet.
Ein Wahlergebnis von 43,8 Prozent kann Menschen zusätzlich das Gefühl vermitteln, mit solchen Einstellungen Teil einer großen gesellschaftlichen Mehrheit zu sein.
Deshalb müssen wir jetzt besonders aufmerksam sein. Aus politischen Wahlergebnissen dürfen niemals Freifahrtscheine für Hass, Bedrohung oder Gewalt werden.
🏳️🌈 5. Hast du Sorge, dass queere Vereine, Beratungsstellen, Bildungsangebote oder CSD-Veranstaltungen künftig finanzielle oder politische Unterstützung verlieren könnten?
Ja, selbstverständlich.
Queere Strukturen in Sachsen-Anhalt sind vielerorts ohnehin nicht üppig ausgestattet. Vieles wird durch Ehrenamt getragen. Menschen investieren unzählige Stunden ihrer Freizeit, damit Beratungsangebote, Begegnungsräume, Bildungsarbeit und CSDs überhaupt stattfinden können.
Wenn diese Strukturen politisch oder finanziell angegriffen werden, verschwinden nicht irgendwelche abstrakten Projekte. Dann verschwinden ganz konkrete Schutzräume, Ansprechpartner und Angebote für Menschen.
Deshalb erwarten wir von allen demokratischen Parteien, dass sie jetzt sehr klar sagen: Die demokratische Zivilgesellschaft und die queeren Strukturen dieses Landes werden nicht fallengelassen.
🏳️🌈 6. Gerade in kleineren Städten und im ländlichen Raum sind CSDs häufig weit mehr als eine Demonstration – sie zeigen queeren Menschen: Ihr seid nicht allein. Wird diese Aufgabe nach diesem Wahlabend noch wichtiger?
Sie wird wichtiger denn je.
Wir haben in den vergangenen Jahren erlebt, was passiert, wenn in einer kleineren Stadt zum ersten Mal hunderte Menschen mit Regenbogenflaggen durch die Straßen ziehen. Da stehen junge Menschen am Straßenrand, manchmal mit Tränen in den Augen, weil sie zum ersten Mal sehen: Ich bin hier tatsächlich nicht allein.
Genau dafür brauchen wir CSDs in Stendal, Köthen, Wernigerode, Dessau-Roßlau, Schönebeck, Merseburg und an vielen weiteren Orten.
Es reicht nicht, einmal im Jahr in Magdeburg oder Halle sichtbar zu sein. Queeres Leben existiert in jedem Landkreis, in jeder Kleinstadt und in jedem Dorf Sachsen-Anhalts.
Nach diesem Wahlergebnis werden wir deshalb nicht weniger in die Fläche gehen. Im Gegenteil.
🏳️🌈 7. Die AfD hat die absolute Mehrheit um lediglich drei Sitze verfehlt. Gleichzeitig ist das BSW mit fünf Abgeordneten in den Landtag eingezogen. Wie besorgt bist du über eine mögliche politische Zusammenarbeit zwischen AfD und BSW?
Die Vorstellung, dass eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD nur drei Mandate von der absoluten Mehrheit entfernt ist, ist für uns außerordentlich beunruhigend.
Deshalb kommt es jetzt auf jede einzelne demokratische Verantwortung im Landtag an. Wir erwarten auch vom BSW eine klare Abgrenzung gegenüber der AfD und keine Zusammenarbeit, durch die rechtsextreme Politik Mehrheiten erhält.
Dabei geht es nicht nur um die Frage einer formellen Koalition. Entscheidend wird auch sein, ob Anträge, politische Initiativen oder Personalentscheidungen mit Stimmen der AfD ermöglicht werden.
Demokratische Verantwortung zeigt sich gerade dann, wenn Mehrheiten schwierig sind.
🏳️🌈 8. Was erwartest du jetzt konkret von CDU, SPD, Grünen und Linken im neuen Landtag, wenn es um den Schutz queerer Menschen und queerer Strukturen in Sachsen-Anhalt geht?
Zunächst erwarten wir, dass die demokratischen Parteien begreifen, wie ernst die Situation ist.
Wir brauchen jetzt keine gegenseitigen Schuldzuweisungen, sondern Verantwortungsbewusstsein. CDU, SPD, Grüne und Linke tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass Sachsen-Anhalt ein demokratisches und offenes Bundesland bleibt.
Für uns bedeutet das konkret: Schutz und verlässliche Finanzierung queerer Beratungs-, Bildungs- und Begegnungsstrukturen, Unterstützung der CSDs und der demokratischen Zivilgesellschaft sowie ein konsequentes Vorgehen gegen Hasskriminalität und menschenfeindliche Gewalt.
Und wir erwarten, dass queere Menschen nicht bei der nächsten politischen Verhandlung zum Verhandlungsgegenstand werden. Menschenrechte und Menschenwürde sind keine Verhandlungsmasse.
🏳️🌈 9. Was würdest du heute einem 16- oder 17-jährigen queeren Menschen irgendwo in Sachsen-Anhalt sagen, der dieses Wahlergebnis sieht und sich fragt: Kann und will ich in diesem Bundesland überhaupt noch meine Zukunft aufbauen?
Ich würde diesem jungen Menschen vor allem sagen: Du bist nicht allein.
43,8 Prozent sind ein erschreckendes Ergebnis. Aber 43,8 Prozent sind nicht 100 Prozent. Dieses Land besteht auch aus hunderttausenden Menschen, die gestern anders gewählt haben, und aus unglaublich vielen Menschen, die sich jeden Tag für Demokratie, Vielfalt und ein respektvolles Miteinander einsetzen.
Ich kann jeden jungen Menschen verstehen, der heute Angst hat oder darüber nachdenkt, Sachsen-Anhalt irgendwann zu verlassen. Aber ich wünsche mir, dass niemand das Gefühl bekommt, gehen zu müssen, weil andere ihm das Recht auf Heimat absprechen wollen.
Sachsen-Anhalt ist auch unser Zuhause.
Und wir werden dafür kämpfen, dass ein queerer Jugendlicher in Stendal, Köthen, Wernigerode, Magdeburg oder irgendeinem kleinen Dorf dieses Landes eine Zukunft haben kann, ohne sich verstecken zu müssen.
🏳️🌈 10. Und zum Schluss: Ist dieser Wahlabend für dich und den CSD Sachsen-Anhalt vor allem ein Grund zur Sorge – oder vielleicht gerade jetzt ein Grund, noch sichtbarer, lauter und entschlossener für queere Menschen und eine offene Gesellschaft einzutreten?
Beides.
Wir sind fassungslos. Wir haben Angst. Und es ist für uns kaum zu begreifen, wie viel Hass und Ablehnung gegenüber anderen Menschen in dem Land Zustimmung finden können, in dem wir leben.
Aber eines wird aus diesem Wahlabend ganz sicher nicht entstehen: dass wir verschwinden.
Wir werden nicht unsere Regenbogenflaggen einpacken. Wir werden keine CSDs absagen, weil das politische Klima schwieriger wird. Wir werden uns nicht aus kleinen Städten zurückziehen und queere Menschen dort alleinlassen.
Das Gegenteil wird passieren.
Wir werden sichtbarer sein. Wir werden stärker zusammenrücken. Wir werden noch mehr miteinander arbeiten – von den CSDs und queeren Vereinen vor Ort über unseren Landesverband bis hin zur bundesweiten Vernetzung.
Und wir werden weiterhin überall dort Räume schaffen, wo Menschen erfahren können: Du bist nicht allein. Du gehörst zu diesem Land. Du hast dieselben Rechte. Und niemand darf dir deine Würde nehmen.
Vielleicht ist genau das nach diesem Wahlabend unsere wichtigste Aufgabe.
Falko Jentsch
Christopher-Street-Day Sachsen-Anhalt e.V.
Das war das Interview mit Falko Jentsch von CSD Sachsen Anhalt, einen Tag nach den Landtagswahlen in Sachsen Anhalt.
Wir danken ihm das er am Montagmorgen und dafür zur Verfügung stand.
Radio QueerLive
Die Redaktion
