Nach dem bewegenden Trauermarsch vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor war für uns der Tag noch nicht zu Ende. Gemeinsam mit vielen Menschen aus der Community gedachten wir zunächst der jungen Frau, die bei dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day ums Leben kam. Am Brandenburger Tor wurden Blumen, Kerzen und Regenbogenfahnen niedergelegt – ein stilles Zeichen der Trauer und des Zusammenhalts.
Dabei begegneten wir auch vielen jungen Menschen, mit denen wir noch am Vortag gemeinsam auf einem CSD-Truck gefeiert und demonstriert hatten. Bevor sie die Heimreise in ihre Städte antraten, war es ihnen wichtig, noch einmal innezuhalten. Sie legten Rosen nieder – zunächst am Brandenburger Tor und später auch im Tiergarten. Viele sagten uns, dass sie Berlin nicht verlassen wollten, ohne ihre Trauer an den Orten auszudrücken, an denen sich die Tragödie ereignet hatte.
Der Ort des Geschehens
Anschließend gingen auch wir in den Großen Tiergarten. Unser Ziel war der Bereich, in dem die junge Frau ihr Leben verlor. Dort wollten wir ebenfalls eine Kerze entzünden.
Viele Menschen hatten nach dem Trauermarsch denselben Weg gewählt. Sie gingen zu dem Ort, an dem die Frau starb und an dem zahlreiche Menschen verletzt wurden. Entlang des Weges entstanden immer neue Gedenkorte. Blumen, Kerzen, Regenbogenaccessoires und persönliche Botschaften zeugten von der tiefen Betroffenheit der Community.
Besonders bewegte uns ein kleines Buch, das an einer Laterne abgelegt worden war. Darin hatten Besucherinnen und Besucher ihre Gedanken niedergeschrieben, ihrer Trauer Ausdruck verliehen und Abschiedsworte hinterlassen. Es war ein stilles, aber sehr eindrucksvolles Zeichen dafür, wie sehr die Ereignisse die Menschen berühren.
Auf dem Weg dorthin fielen uns immer wieder pinkfarbene, parallel verlaufende Markierungen im Sand der Wege auf. Vor Ort wurde uns erklärt, dass diese Markierungen den Fahrweg des Transporters dokumentieren, der am Samstagabend durch den Tiergarten gefahren sein soll.
Wir entschieden uns, diesen Spuren zu folgen. Schritt für Schritt wurde dadurch sichtbar, welcher Weg nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler rekonstruiert wird – und gleichzeitig, welcher Gefahr die Menschen an diesem Abend ausgesetzt gewesen sein müssen.
Nach den Informationen, die wir vor Ort erhielten, soll der Transporter auf Höhe des Lessing-Denkmals in den Tiergarten eingefahren sein. Zunächst soll das Fahrzeug langsam unterwegs gewesen sein, bevor es an einer Kreuzung nach links abbog und beschleunigte.
Beim Verfolgen der Markierungen wird deutlich, dass der Transporter nicht ausschließlich auf den Wegen geblieben sein soll. Die Spuren führen stellenweise über die Rasenflächen und anschließend wieder zurück auf die Wege.
Gerade dort wird einem bewusst, wie dramatisch die Situation gewesen sein muss. Menschen, die sich dort aufhielten – vielleicht um sich vom Trubel des CSD kurz zu erholen oder um Schutz zu suchen –, könnten sich plötzlich mitten im Fahrweg des Transporters befunden haben.
An einer Stelle enden die Markierungen an einem Baum, der sichtbar beschädigt wurde. Von dort aus setzen sich die Spuren fort, was darauf hindeutet, dass der Transporter seine Fahrt anschließend noch fortgesetzt haben könnte.
Der Bereich, in dem die Polizei auch am Sonntag noch Spuren sicherte, war weiterhin weiträumig abgesperrt. Nach Angaben der Polizei bleibt dieser Bereich mindestens bis Montag geschlossen, damit die Ermittlungen ungestört fortgesetzt werden können.
Besonders bewegend war jedoch ein anderer Anblick. Rechts und links des mutmaßlichen Fahrwegs entstanden bereits am Sonntag zahlreiche kleine Gedenkorte. Kerzen, Blumen, Regenbogenfahnen und persönliche Botschaften erinnern an die junge Frau, die ihr Leben verlor, und an die vielen Verletzten. Die Community hat den Ort des Schreckens in einen Ort des Gedenkens verwandelt.
Wer diese Strecke zu Fuß entlanggeht, spürt, dass der Anschlag weit mehr hinterlassen hat als sichtbare Spuren im Sand. Er hat Menschen erschüttert, verunsichert und tief getroffen. Gleichzeitig zeigen die vielen Kerzen, Rosen, Blumen und persönlichen Botschaften entlang des Weges, dass Mitgefühl, Zusammenhalt und Solidarität stärker sein können als Hass und Gewalt.
Vereinzelt haben wir Beschreibungen unter den Bildern.
Radio QueerLive
News Redaktion
