Erinnerung an Sandro und Dirk
Es gibt Momente, die gehören für uns einfach zu einem CSD dazu. Einer davon fand nie auf der Parade statt, sondern immer kurz davor.
Bevor sich die Trucks in Bewegung setzten, hielt Radio QueerLive traditionell eine Gedenkminute ab. Gemeinsam erinnerten wir an Menschen, die unsere Community, unser Radio und unser Leben bereichert haben. Menschen, die mit ihrem Wesen, ihrem Engagement und ihrer Herzlichkeit Spuren hinterlassen haben.
Auch in diesem Jahr möchten wir diese Tradition fortsetzen.
Wir möchten an zwei Menschen erinnern, die uns ganz besonders fehlen: Sandro M.-E. und Dirk S.
Sandro kannten wir zunächst vom Sehen. Man begegnete sich in den Berliner Clubs, sah ihn mit seinen Freunden feiern und das Leben genießen. Richtig legendär wurde es allerdings jedes Jahr rund um den Berliner CSD.
Immer wenn Sandro und Frau Bond ihre Startnummern für die Parade zogen, begann dasselbe Spiel. Ganz gleich, welche Nummer aus der Lostrommel kam – die Nummer des jeweils anderen war grundsätzlich besser. Es gab kaum einen CSD, an dem die beiden nicht überzeugt waren, dass sie unbedingt tauschen müssten. Selbst, wenn die Nummern nur 5 Positionen sich unterschieden, die Andere war immer besser.
Für die Verantwortlichen des Berliner CSD e. V. war das längst ein liebgewonnenes Ritual. Wenn Sandro und Frau Bond gemeinsam auftauchten und wieder einmal nach einem Nummerntausch fragten, sorgte das regelmäßig für ein Schmunzeln.
Aus diesem kleinen Running Gag entstand im Laufe der Jahre eine echte CSD-Freundschaft.
Wer seinen Truck zuerst aufgebaut hatte, schnappte sich eine Flasche Sekt und zwei Gläser und besuchte den anderen. Man stieß gemeinsam an, wünschte sich einen erfolgreichen, friedlichen Tag und möglichst wenig Stress. Es waren kleine Momente – aber genau diese bleiben in Erinnerung.
Besonders bleibt uns jedoch Sandros letzter CSD im Gedächtnis.
Er kam an diesem Morgen völlig aufgelöst zu unserem Truck. Die DEKRA hatte ihm die Teilnahme an der Parade untersagt. Der Grund war eine Steckdose. Für eine vorgeschriebene Sicherheitsmaßnahme wurde kurzfristig eine wasserfeste Verteilersteckdose verlangt – und genau diese hatte Sandro nicht.
Frau Bond zögerte keine Sekunde.
Sie nahm die einzige Verteilersteckdose, die diese Anforderungen erfüllte, von unserem eigenen Truck ab und gab sie Sandro. Dabei wusste sie ganz genau, dass damit ihre eigene Eiswürfelmaschine keinen Strom mehr bekommen würde.
Aber für Sandro nahm sie gerne in Kauf, den Sekt an diesem Tag eben sommerwarm zu trinken.
Dann gab es den CSD, wo Sandro nicht mehr dabei war aber ein Truck der ihm gedachte. Wie es der Zufall wollte standen Sandros Gedenktruck und der Radio QueerLive Truck nebeneinander.
Es war das Jahr, wo wir einigen Leuten laut gedachten – auch Sandro.
Er fehlt vielen Menschen.
Der zweite Mensch, an den wir in diesem Jahr erinnern möchten, ist Dirk S.
Kennengelernt haben wir ihn ausgerechnet im wohl schwierigsten CSD-Streit des Jahres 2014. Damals standen wir mit unseren Auffassungen auf unterschiedlichen Seiten und gingen nicht gerade freundlich miteinander um.
Radio QueerLive unterstützte damals eine schwule Ausgehgruppe. Offenbar hatte Dirk davon gelesen, denn eines Tages stand er plötzlich in der Bar.
Als er Frau Bond sah, wollte er sich sofort wieder umdrehen.
Doch Frau Bond rief ihm hinterher: „Stopp – hier ist neutrales Gebiet.“
Dirk blieb.
Und aus diesem Abend wurden viele weitere.
Schon bald gehörte er zu den regelmäßigen Gästen der Ausgehgruppe. Nach dem dritten Treffen bedankte er sich bei uns dafür, dass wir ihn einfach so akzeptierten, wie er war. Zwischen seinem Beruf und seinem ehrenamtlichen Engagement beim Berliner CSD wollte er einfach Menschen treffen, mit denen er ungezwungen Zeit verbringen konnte.
Und damit schließt sich auch der Kreis zu den legendären Wagennummern.
Denn in den meisten Jahren war es Dirk, der vorne saß, die gezogenen Nummern notierte und die Startreihenfolge der Vereine festhielt. Und genau er war es auch, der jedes Jahr den kleinen „Nummerntausch-Fetisch“ von Sandro und Frau Bond miterleben durfte.
Heute denken wir mit einem Lächeln an diese Geschichten zurück.
Sie erinnern uns daran, dass ein CSD nicht nur aus Demonstration, Musik und bunten Trucks besteht. Er lebt vor allem von den Menschen, die ihn mit Herz, Humor und Engagement prägen.
In diesem Jahr möchten wir deshalb an Sandro und Dirk erinnern.
An zwei wunderbare Menschen, die uns mit ihrer Art, ihrer Herzlichkeit und ihrem Wirken sehr fehlen.
❤️ Danke, Sandro.
❤️ Danke, Dirk.
Und vielleicht möchtet auch ihr heute an einen Menschen erinnern.
Schreibt uns gerne in die Kommentare, wen ihr vermisst und an wen ihr beim Berliner CSD in diesem Jahr ganz besonders denken werdet.
Radio QueerLive
News Redaktion
