+++ Offener Brief des Berliner CSD +++ Unsere Antwort

Zuhören allein wird nicht reichen

Der offene Brief des Berliner CSD e.V. ist an vielen Stellen ehrlich, selbstkritisch und persönlich. Der Vorstand räumt ein, die symbolische Wirkung der geplanten Teilnahme von Möbel Höffner unterschätzt zu haben. Er kündigt an, die Teilnahmebedingungen zu überarbeiten und künftig stärker auf den Austausch mit den Mitgliedern zu setzen. Das ist ein wichtiges Signal.

Doch genau hier beginnt auch die eigentliche Diskussion.

Denn die Debatte um Höffner ist nicht erst in den vergangenen Tagen entstanden. Bereits Ende Februar beziehungsweise Anfang März wurde öffentlich bekannt, dass Unternehmer Kurt Krieger 18.000 Euro an die AfD gespendet hatte. Andere Veranstalter zogen daraus früh Konsequenzen. So war Höffner beispielsweise beim Lesbisch-schwulen Stadtfest des Regenbogenfonds nicht vertreten. Deshalb stellt sich die berechtigte Frage, warum der Berliner CSD diese Entwicklung offenbar anders bewertet hat und warum diese Diskussion erst so spät eskalierte.
Oder hielt der Berliner CSD eV die Community einfach nur für doof und wollte testen, wie weit man gehen kann? Geld stinkt schließlich nicht und zwei Tage CSD kosten ordentlich.
Ein CSD könnte so schön sein, wenn diese Community nur nicht Anstand und Haltung gegenüber solchen Spenden hätte.
(Danke Community)

Der Brief macht deutlich, unter welchem finanziellen und organisatorischen Druck der Berliner CSD steht. Eine Demonstration dieser Größe kostet Geld. Sicherheitskonzepte, Sanitäranlagen, Awareness-Teams, Barrierefreiheit und Bühnenprogramm finanzieren sich nicht von allein. Dass Unternehmen dafür benötigt werden, ist nachvollziehbar.

Doch Geld ist nicht der eigentliche Kern der Kritik.

Wer sich die Wagenliste des Berliner CSD anschaut, entdeckt an vielen Stellen vor allem bekannte Unternehmensnamen. Große Marken dominieren das Bild der Parade. Für Außenstehende ist häufig kaum erkennbar, ob tatsächlich die queeren Mitarbeitendennetzwerke dieser Unternehmen den jeweiligen Wagen gestalten oder ob vor allem die Marke selbst im Mittelpunkt steht. Diese Frage beantwortet der offene Brief leider nicht.

Damit verbindet sich eine noch grundlegendere Diskussion: Wie viel Kommerz verträgt ein Christopher Street Day?

Der Berliner CSD entstand in der Tradition von Stonewall – als Demonstration für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und politische Rechte. Heute entsteht bei manchen Besucherinnen und Besuchern der Eindruck, dass die Logos großer Konzerne immer dominanter werden, während kleinere Vereine und Fußgruppen zwischen den aufwendig gestalteten Trucks kaum noch wahrgenommen werden. Ob dieser Eindruck berechtigt ist oder nicht, darüber lässt sich streiten. Dass viele Menschen ihn haben, sollte jedoch ernst genommen werden.

Ein Beispiel zeigt, warum diese Diskussion viele Vereine unmittelbar betrifft.
Radio QueerLive war seit 2001 regelmäßig mit eigenen CSD-LKW oder Trucks auf dem Berliner CSD vertreten – unter anderem mehrfach gemeinsam mit Rosenstolz.

Über viele Jahre funktionierte dabei ein bewährtes Modell: Ein Verein organisierte gemeinsam mit einem Sponsor einen 7,5-Tonnen-LKW und zahlte für die Teilnahme am Berliner CSD rund 750 Euro. Wohlgemerkt, nur damit der LKW an der Parade teilnehmen kann, nicht für den Wagen selbst. Diese Kosten gehen extra.
Nach der Corona-Pandemie änderte sich diese Situation jedoch grundlegend. Für die gleiche Konstellation erhielt Radio QueerLive plötzlich eine Rechnung über 3.000 Euro. Das entspricht einer Erhöhung um 300 Prozent beziehungsweise dem Vierfachen der früheren Teilnahmegebühr.

Für viele Vereine ist eine solche Summe kaum noch zu stemmen. Dass manche Vereine dafür öffentliche Fördergelder einsetzen müssten, kann durchaus kritisch diskutiert werden.
Das frühere Modell – Verein und Sponsor gemeinsam auf einem Truck – hat über viele Jahre funktioniert und vielen Community-Gruppen Sichtbarkeit ermöglicht. Steigen die Teilnahmegebühren jedoch in dieser Größenordnung, überrascht es kaum, dass sich zahlreiche Vereine einen eigenen Wagen nicht mehr leisten können und nur noch als Fußgruppen an der Demonstration teilnehmen und in der Masse der Marken-Trucks untergehen.
Mit den ganzen Marken auf dem CSD, wird das eigentliche Anliegen, die Geschichte einfach nur verwässert. Eine CSD Demonstration wird zu einem Markenparade, zu einer Kommerzparade und ist dabei nicht besser als jede andere Straßenparade in Europa.
Dabei sollte man im Vorfeld untersuchen, welche der Marken betreiben Pinkwashing.
Gleichzeitig sollte jeder Markenwagen ausschließlich mit einem Berliner Verein aus der Community auf die Strecke gehen. Das wäre tatsächliche Unterstützung der Community.

Auch eine weitere Frage bleibt im offenen Brief unbeantwortet

Während viele trans Menschen mit Sorge auf angekündigte Änderungen beim Selbstbestimmungsgesetz blicken und der Berliner Senat eine Verschärfung plant, fahren gleichzeitig ein SPD sowie CDU-Truck beim Berliner CSD mit. Wie der Berliner CSD diesen Widerspruch bewertet, erfährt man in dem Schreiben nicht. Gerade weil der Vorstand betont, Haltung zeigen zu wollen, hätten sich viele Community-Mitglieder an dieser Stelle eine Einordnung gewünscht.
Gerade Transpersonen fühlen sich durch die Verschärfung des Selbstbestimmungsrecht angegriffen, ein Recht wofür jahrelang gekämpft wurde.
Jetzt, wo sich der Berliner Senat für eine Verschärfung ausspricht, sieht der Berliner CSD eV kein Problem in der Teilnehme der Regierungsparteien. Will uns der Berliner CSD damit seine Vorstellung von Einbeziehung der gesamten Community zeigen?

Der Berliner CSD appelliert am Ende an Zusammenhalt und Solidarität innerhalb der Community.
Dieser Wunsch ist verständlich und angesichts zunehmender queerfeindlicher Angriffe wichtiger denn je.

Zusammenhalt entsteht jedoch nicht allein durch Appelle oder offene Briefe. Er entsteht vor allem dann, wenn Kritik ernst genommen wird, Entscheidungen transparent erklärt werden und der Eindruck vermieden wird, wirtschaftliche Interessen könnten wichtiger werden als die politische Botschaft einer Demonstration. Stichwort: Kommerzparade.

Der Berliner CSD bleibt eine der wichtigsten Demonstrationen Europas. Gerade deshalb muss er sich auch den kritischen Fragen stellen. Nicht weil die Community gespalten werden soll, sondern weil viele Menschen möchten, dass der Berliner CSD das bleibt, was er einmal war und auch künftig sein sollte: eine politische Demonstration der Community – und nicht in erster Linie eine Bühne für große Marken.

Und wenn ihr euch fragt, wieso wir uns darüber aufregen – nun, wir verdienen nicht am CSD. Weder am CSD direkt, noch durch bunte Anzeigen.

Radio QueerLive
Die Redaktion